Friedrich Merz erklärt die ökonomische Tektonik

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Friedrich Merz spricht vor Bremer Wirtschaftsrat

In Zeiten weltwirtschaftlicher Wirrnisse, in denen auch noch demokratischer Wahlkampf mit platten Attitüden zelebriert wird, tut es gut, wenn einer da ist, der einem die Welt erklären kann. Es gibt in Deutschland nicht viele, die das mit verständlichen Worten können. Einer von denen, denen man abkauft, dass sie das bravourös beherrschen und als Nicht-Parlamentarier auch nur bedingt die parteipolitische Contenance bewahren müssen, ist Friedrich Merz.

Friedrich Merz, MdBB Susanne Grobien und EWV-Chefredakteur Bernhard Knapstein.

Friedrich Merz – der Name stand einst für das hohe Lied einer radikalen Steuerreform mit der Folge von Bierdeckel-Erklärungen. Er steht aber auch heute noch für klare Worte, für politische Leidenschaft und für transatlantischen Sachverstand. Einen Sachverstand, den der Sauerländer und Christdemokrat beim Neujahrsempfang des Wirtschaftsrates Deutschland in Bremen vor 270 Führungspersönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik erneut unter Beweis gestellt hat.

Deutschland geht es gut und spricht von Krise

Friedrich Merz erklärt …

Sein dortiger Auftritt ist kein Zufall. Merz ist Mitglied des Präsidiums des CDU-nahen Wirtschaftsrats, ein Verband, der sich als Interessenvertretung deutscher Unternehmer seit nunmehr 50 Jahren als Bewahrer der Ludwig Erhard´schen Politik der Sozialen Marktwirtschaft versteht. Ein Prinzip, das im Wesentlichen auch in dieser Phase, in der alle von Krise sprechen, gut funktioniert, wenn man Merz Glauben schenkt. Das hänge mit der breit aufgestellten produzierenden Wirtschaft des Mittelstands, aber auch mit den verantwortungsvoll handelnden Tarifparteien zusammen. „Anders als in vielen anderen Ländern, auch Europas, haben die deutschen Tarifparteien das gemeinsame Wohl der Unternehmen im Blick.“ Im Konfliktfall obsiege meist das gemeinsame Interesse des Unternehmens, stellt Merz fest. Zudem sei die Qualität der Ausbildung der Fachkräfte am Wirtschaftsstandort Deutschland immer noch sehr gut. Die duale Ausbildung sei sogar ein deutscher Exportschlager.

… die tektonischen Verschiebungen …

Merz, das wird schnell deutlich, will weg von dem von vielen Zuhörern erwarteten deutschen Binnenblick. Bei allen Herausforderungen, die man in Deutschland und in Europa habe, sei der Blick auf die globalen Verhältnisse unumgänglich. Die Wirtschaftspolitik sei noch immer nicht frei von Ideologie und gerade der Wirtschaftsrat Deutschland müsse für seine Positionen weiterhin gegenüber der Politik werben.

Angela Merkel schwadroniert angesichts südeuropäischer Verwerfungen nicht von Kavallerie

Auch wenn Friedrich Merz auf Wahlkampfgetöse verzichtet, so ganz ohne geht es dann doch nicht. Er schätze zwar den Sachverstand Peer Steinbrücks, es sei aber von Vorteil, dass in einer Zeit, in der in südeuropäischen EU-Mitgliedsländern antideutsche Stimmungen aufkommen, eine Frau die Fäden in der Hand habe. Angela Merkel sei in Südeuropa „zwar nicht die beliebteste Person, aber es gibt nicht einen einzigen rhetorischen Lapsus, der noch Öl ins Feuer gegeben hätte“. Ein anderer „hätte vielleicht von Kavallerie schwadroniert“.

… der ökonomischen und politischen Machtzentren und …

Friedrich Merz macht sich selbst und der deutschen Politik den Vorwurf, man habe bei der Erweiterung der Europäischen Union zuviel auf die formalen Beitrittsvoraussetzungen gesehen und nicht auf die realen Verhältnisse. Es sei zudem ausgerechnet Deutschland gewesen, die den Stabilitätspakt zuerst gebrochen hätten. Mit den beschlossenen Rettungspaketen habe man nun Zeit gewonnen, nun „gilt es aber die Ursachen zu beseitigen“.

Friedrich Merz fordert von EU-Kommission ein Weißbuch zur Wirtschaftspolitik

In Europa werde jetzt viel über Bankenunion und  Fiskalunion gesprochen. Es sei zwar richtig, dass Haushaltskonsolidierung gesprochen werde und ein strikteres Sanktionsregime eingeführt werde. Was in Europa indessen fehle, das sei eine einheitliche Wirtschaftspolitik und vielleicht auch eine koordinierte Arbeitsmarktpolitik. „Ich wünsche mir, dass die Kommission ein Weißbuch „Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie“ schreibt. Sie beschäftigt sich stattdessen mit Frauenquote, mit Zigarettenpackungen und dem Verbot von Glühbirnen.“ Sie ziehe jede Kompetenz auf sich, aber das große Ganze bleibe auf der Strecke, resümiert Merz.

… fordert ein Weißbuch der EU-Kommission zur Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie.

Mehr Europa und mehr transatlantische Abstimmung seien notwendig, um der tektonischen Verschiebung der ökonomischen und politischen Machtzentren begegnen zu können. Auch ein Freihandelsabkommen mit den USA und die Harmonisierung technischer Standards sei sinnvoll, um den Veränderungen in der Welt begegnen zu können. Weder Deutschland, noch Europa, noch die USA könnten jeweils allein dem chinesischen Aufstreben mit Erfolg etwas entgegen setzen. Chinas Bruttoinlandsprodukt habe schon vor 200 Jahren rund ein Drittel des BIP der gesamten Welt betragen. Da wolle China heute wieder hin. Die Fünfjahrespläne der chinesischen Staatsführung würden, anders als in der DDR, fast 1 zu 1 umgesetzt. Es sei aufschlussreich und sinnvoll diese Zielvorgaben der chinesischen Staatsführung zur Kenntnis zu nehmen.

Friedrich Merz, WR-Landesvorsitzende Imke Goller-Wilberg und Thomas Müller von der Berenberg Bank. (c) alle Bilder: ebn24TV

Planwirtschaft, die die Welt verändert – auf dem Zenit seiner fesselnden Ansprache verlangt der konservative Kosmopolit Merz nichts anderes, als den deutschen Kleingeist und das europäische Binnengeplänkel zu überwinden, um der Sozialen Marktwirtschaft überhaupt eine Zukunft zu geben.

 

Bernhard Knapstein

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20 Jahre Medien Gruppe Kirk – Crossmediales Standortmarketing hat einen Namen

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Als Christian Kirk vor 20 Jahren mit einer kleinen Werbeagentur sich den Wettbewerbern am Medienmarkt des Standorts Darmstadt stellte, stand noch nicht fest, welchen Weg das Unternehmen einschlagen würde. Was vor 20 Jahren zunächst kommunal begann, das hat zwischenzeitlich einen sehr erfolgreichen Verlauf mit interkontinentaler Verbreitung genommen.

Christian Kirk im Gespräch mit dem hessischen Ministerpräsident Volker Bouffier und dem Darmstädter Bürgermeister Rafael Reißer. (c) Europäischer Wirtschafts Verlag GmbH

Schnell hat der Darmstädter Unternehmer erkannt, dass eine Hauptherausforderung für Kommunen und Länder das ansprechende und professionelle Werben um Investoren für den jeweiligen Wirtschaftsstandort darstellt. Als anerkannter “Netzwerker” hat Christian Kirk seither immer wieder die Wirtschaft und prominente Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik, Kultur und Gesellschaft  für bald 300 Crossmedia-Projekte zu Wirtschaftsstandorten in Hessen, Deutschland, Europa und mittlerweile “weltweit” aktiviert und so dazu beigetragen, für die speziellen Kompetenzfelder der Standorte zu werben und dabei gleichzeitig die am Standort ansässigen Unternehmen zu promoten.

 Crossmediales Marketing aus einer Hand

Der Verleger Christian Kirk, hier mit Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler, hat mehrere Projekte unter Mitwirkung der Bundesregierung realisiert. (c) Europäischer Wirtschafts Verlag GmbH

Mit Büchern, Magazinen, Filmen und Websites, flankiert von jährlich mehreren Business-Events, hat die Medien Gruppe Kirk AG mit ihren Tochtergesellschaften, der Europäischen Wirtschafts Verlag GmbH, der Media Team Gesellschaft für Kommunikation mbH, dem Filmstudio ebn24TV und der European Consult und Invest GmbH, längst bundesweit eine marktführende Position inne. Die Unternehmensgruppe arbeitet nicht nur mit  Kommunen und den Landesregierungen eng zusammen. Christian Kirk realisiert für Österreich und die Schweiz Standortkampagnen, produziert für führende Wirtschaftsverbände ganze Web-TV-Serien und setzt regelmäßig auch für die Bundesregierung weltweit crossmedial Projekte um, wie etwa zum Standort Afghanistan, zu Angola oder Tunesien, um nur einige Beispiele zu nennen.

Wirtschaft ansprechen, solvente Investoren interessieren, Informationen über harte und weiche Standortfaktoren vermitteln, Gesprächspartner zusammenführen und nachhaltige Geschäftsgrundlagen schaffen – das ist das erste Kompetenzfeld des in Darmstadt ansässigen Medienunternehmens, das ausschließlich in der Region seine Zulieferer und Produktionspartner sucht und somit ein klares Bekenntnis zu „Made in Germany“ vorlebt.

“Made in Germany” wird vorgelebt

125 Jahre “Made in Germany” ist eine kurze Ode von ebn24TV an die Fähigkeiten unserer Wirtschaft. (c) ebn24TV

Das zweite Kompetenzfeld ist die Konzeption, Produktion und Realsierung von Marketing- und PR-Aktionen in Verbindung mit der Produktion von Printmedien, sowie Produkt- und Imagefilmprojekten. Hier greift das Unternehmen ebenfalls auf eine zwanzigjährige Erfahrung und Tradition zurück und arbeitet stets nach dem Leitbild des “ehrbaren Kaufmannes”.

Vertrauen, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit sind die Basis eines jeden Handels – für diese Grundsätze steht der Gründer des Unternehmens, Christian Kirk, seit zwanzig Jahren mit seinem Namen.

Das Jubiläum hat die Unternehmensgruppe im Dezember 2012 mit reichlich Prominenz in der Premiere des Da Capo-Varietes “Diva Burlesque” in Darmstadt gefeiert.

Bernhard Knapstein

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Hessens Finanzminister Schäfer: Bankenaufsicht konsequent fortsetzen!

european business network - ebn24 im Gespräch

Die Aufarbeitung der Finanz- und Währungskrise fordert alle politischen und institutionellen Kräfte. Bernhard Knapstein hat für ebn24 am Rande des CDU-Parteitages 2012 mit dem hessischen Finanzminister und designierten Vorsitzenden der deutschen Finanzministerkonferenz Dr. Thomas Schäfer über den Sachstand und seine Erwartungen gesprochen.

ebn24: Herr Minister, was erwarten Sie von der europäischen Politik in Bezug auf die aktuelle Finanz- und Währungskrise?

Hessischer Finanzminister Dr. Thomas Schäfer (c) Hessisches Finanzministerium

Ich glaube die europäische Politik hat im letzten Jahr gezeigt, dass sie entgegen allen Unkenrufen handlungs- und entscheidungsfähig ist. Wir sind ein gutes Stück vorangekommen auf dem Weg hin, große Schutzwälle rund um die Euro-Zone zu errichten, durch den Fiskalpakt, aber auch durch die ersten Wege hin zu einer einheitlichen Bankenaufsicht. Das muss jetzt konsequent fortgesetzt werden, aber immer mit dem klaren Ziel: am Ende Wettbewerb zwischen den Finanzplätzen Europas und der Welt aufrecht zu erhalten, die Wettbewerbschancen nicht zu benachteiligen, aber trotzdem sicherzustellen, dass eine funktionierende Regulierung Risiken deutlich reduziert, wie wir sie in der Vergangenheit deutlich gesehen haben.

ebn24: Welches Feedback zur aktuellen Sicherungspolitik bekommen Sie von den Kreditinstituten?

Das ist natürlich vielfältig. Die Kreditinstitute sagen natürlich zu Recht, dass eine ganze Reihe von Maßnahmen zwingend notwendig waren. Regulierung schafft am Ende Stabilität und Stabilität schafft wieder Vertrauen auch in das Bankenwesen in unserem Land und in Europa. Auf der anderen Seite gibt es eine große Sorge, dass wir aufpassen müssen, dass wir es nicht übertreiben, dass wir nicht mehr Regulierungen parallel laufen lassen, die am Ende zusammen führen und dann zu Belastungen führen, die im internationalen Wettbewerb schwierig zu schultern sind und möglicherweise auch Belastungen, die vermeintlich bei den Banken ankommen sollten, aber am Ende bei den Bürgerinnen und Bürgern landen. Ich nenne das Beispiel Transaktionssteuer. Die würde zum Schluss dann doch von den Kleinsparern getragen und eben nicht von den Banken, wie sich manche hier das erhoffen.

ebn24: Stichwort „Haftung ohne Kontrolle“: Was erhoffen Sie sich hier als nächsten Baustein?

Es ist notwendig, dass die Bankenaufsicht in Europa ein einheitliches Dach bekommt. Wir brauchen eine funktionierende und nachhaltige Bankenaufsicht, die nach einheitlichen Maßstäben funktioniert. Wir müssen aber für Deutschland aufpassen, dass nicht hier der Ehrgeiz entsteht, dass die Europäische Zentralbank auch die letzte Raiffeisenbank beaufsichtigt, sondern das muss weiter dezentral organisiert werden. Aber mit einer klaren zentralen Verantwortung, damit die nationalen Aufsichten ihre Arbeit nach einheitlichen Maßstäben leisten können.

ebn24: Herzlichen Dank für das Gespräch, Herr Minister!

(Das Interview wurde am 4.12.2012 in Hannover geführt.)

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Energiewende – Ansteigender Strompreis verschärft die Debatte

Der Windkraft-Ausbau schreitet voran. (c) PALMEra / pixelio.de

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Um die deutsche Energiewende tobt ein ideologischer Kampf zwischen den Vertretern der grünen Energie und Vertretern des Wirtschaftsliberalismus. Als zentrales Argument für die Notwendigkeit einer Energiewende gilt dabei der so genannte Klimaschutz. Ein durchaus umstrittenes Thema, denn der Klimabegriff bezeichnet das mittlere Wettergeschehen über den Zeitraum mehrerer Dekaden. Der menschliche Einfluss darauf kann indessen nur vermutet nicht aber naturwissenschaftlich nachgewiesen werden. Einigkeit besteht allerdings darin, dass die primär genutzten fossilen Energiequellen endlich sind und die Umwelteinflüsse durch Unfälle bei deren Förderung oder Nutzung nicht ganz vermieden werden können. Dafür stehen beispielhaft Tschernobyl, Fukushima, Exxon Valdez und Deepwater Horizon. Alle Beteiligte sehen in der Energiewende deshalb langfristig auch Chancen.

Im Rahmen der Debatte um die Energiewende, ihre Mittel und das Tempo, haben dennoch alle Seiten gute Argumente auf ihrer Seite und es ist Aufgabe der Politik, respektive des Bundesumweltministers Peter Altmaier, zwischen den Fronten der Partikularinteressen einen gangbaren Weg zu finden und mit Straucheln und Stolpern auf diesem Pfad zu leben. So fordert der Bundesverband Erneuerbare Energie BEE das Ende der Subventionen für fossile Energien. Dem gegenüber fordert der unternehmernahe Wirtschaftsrat Deutschland eine Reform des Erneuerbare Energien-Gesetz EEG hinsichtlich der vorrangigen Einspeisung für Erneuerbare, der den Industriestandort Deutschland gefährde. Der E.ON-Manager Ingo Luge spricht nennt dies eine Frage der Effizienz.

EEG – Strompreise ziehen 2013 spürbar an

Tatsache ist, die Energiewende fordert einen gewaltigen Ausbau von Erneuerbaren Energiequellen, einen Ausbau der Netze und eine Weiterentwicklung von Speichersystemen. Das kostet Geld. Geld, das letztlich der Steuerzahler aufbringen wird. Entweder als Steuerzahler oder als Verbraucher, oder beides. Das Jahr 2013 wird eine erste große Teuerung für Stromkunden bereithalten. Auf Grundlage des EEG steigt die Ökostrom-Umlage ab 1. Januar 2013 von 3,59 Cent /Kilowattstunde auf 5,28 Cent.

EEG – Der Strompreis wird 2013 bundesweit anziehen. (c) Thorben Wengert / pixelio.de

Beim Stromriesen Vattenfall steigt der Preis um rund 13 Prozent. Das betrifft mehr als 2,3 Millionen Kunden in Berlin und Hamburg. Für einen privaten Haushalt mit einem Verbrauch von 2.200 Kilowattstunden macht das monatliche Mehrkosten von 6,45 Euro aus. Natürlich gehen Mieterverbände auf die Barrikaden und fordern, dass Mehrkosten nicht vollständig auf die Mieter abgewälzt werden.

Tatsache ist auch, das Kapital folgt dem Gesetz des ökonomischen Gewinns. Sollte Deutschland einen Alleingang machen, der der Industrie große Kosten abfordert, hat das Auswirkung auf den Wettbewerb der Standorte. Energieintensive Industrien werden dann als erste mit der Produktion das Land verlassen und allenfalls Headquarters am Standort belassen. Massenentlassungen kann aber nicht das Ziel der Energiewende sein.

Erneuerbare können Grundlastträger derzeit nicht ersetzen

Tatsache ist auch, wenn des Nachts der Wind ausbleibt liefern weder Solar- noch Windkraftanlagen Strom. Wind, Sonne und auch Biomasse sind noch weit davon entfernt, den ständigen Bedarf von rund 40 Gigawatt zu decken. Blackouts kann sich der Standort Deutschland nicht leisten. Der niedersächsische Umweltminister Stefan Birkner fordert daher zu Recht in einem Beitrag zum Wirtschaftsstandort Bremen/Niedersachsen, der sich weitgehend mit dem Stand der Energiewende auseinandersetzt neben der Umweltverträglichkeit von Energie auch deren Bezahlbarkeit und Verlässlichkeit.

Braunkohle ist ein günstiger Grundlastträger. (c) Marius Förster / pixelio.de

Nun sehen die Ausbaupläne der Bundesregierung für Wind- und Solarenergie eine installierte Leistung von 240 GW vor. Dem gegenüber liegt die durchschnittliche Netzleistung bei 60 GW. Im Auslastungsfall müssten drei Viertel der erneuerbar erzeugten Energie vom Netz gehen, zumal taugliche Speicherkapazitäten noch nicht entwickelt sind, und auf Grundlage der Vergütungsgarantie nach EEG dennoch bezahlt werden. Das könnte die kWh auf bis zu 48 Cent treiben. Dem gegenüber steht noch immer die grundlastfähige Braunkohle mit Kosten von rund 2 bis 3 Cent je kWh.

Die reine Wahrheit gibt es hier nicht. Aber wenn der Wirtschaftsstandort Deutschland auf dem grünen Weg nicht die europäische Kurve bekommt und den nationalen Alleingang beendet, dann werden die Nuklearstaaten als Standorte für Investoren eine Attraktivität bekommen, mit der wir nicht konkurrieren können.

 

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Slowenien: Holz, Logistik, IT und Erneuerbare haben noch Potential

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ebn24 im Gespräch mit Gertrud Rantzen über die aktuellen Investitionsvoraussetzungen am Standort Slowenien. Das Gespräch mit der Geschäftsführerin der Deutsch-Slowenischen Industrie- und Handelskammer führte Bernhard Knapstein.

Die Geschäftsführerin der AHK Slowenien, Gertrud Rantzen.
(c) AHK Slowenien/Jaka Adamic

ebn24: Sehr geehrte Frau Rantzen, bitte erläutern Sie uns wo die wirtschaftlichen Kernkompetenzen des Standortes Sloweniens liegen.

Rantzen: Slowenien kann durch seine zentrale Lage in Europa, seine Nähe zu Deutschland und seine gut ausgebildeten Fachkräfte punkten. Es ist kulturell das westlichste Land der Region. Die Slowenen besitzen zudem generell gut ausgeprägte Fremdsprachenkenntnisse, vor allem Deutsch, Englisch und Italienisch. Sie sind leistungsbereit und motiviert und Slowenien besitzt einen hohen Lebensstandard.

ebn24: Gute Bedingungen also für Investitionen.

Rantzen: In der Tat. Rund die Hälfte aller deutschen Unternehmen ist unmittelbar nach der Unabhängigkeit 1991 nach Slowenien gekommen. Den größten Zustrom deutscher Investitionen erlebte Slowenien Mitte der 90er Jahre. Deutsche Unternehmen beginnen ihr Engagement in Slowenien meist mit kleinen Betriebseinheiten und bauen das Engagement dann kontinuierlich aus. Neben dem Engagement als sogenannte verlängerte Werkbank, haben deutsche Unternehmen zunehmend ihre Entwicklungsbereiche nach Slowenien ausgelagert.

ebn24: Weshalb gerade den Entwicklungssektor?

Rantzen: Slowenien verfügt über einen hohen Grad der technischen Ausbildung und hat traditionell einen sehr starken Forschungs- und Entwicklungsbereich.

In Slowenien locken interessante Einspeisevergütungen

ebn24: In welchen Sektoren ist eine Kooperation mit Zulieferern denkbar?

Die AHKs beraten Investoren über die Gegebenheiten und mögliche Kooperationspartner am Standort.
(c) AHK Slowenien

Rantzen: Generell sind Kooperationen in der Automobilindustrie, der Elektronikindustrie, im IT-Bereich und der Metallverarbeitung denkbar. Potential  sehe ich vor allem in der Holzindustrie und  bei Logistik- und Infrastrukturprojekten. Des Weiteren sehe ich noch Potential für Erneuerbare  Energien, der Energieeffizienz und natürlich im Tourismus. Aber insbesondere die Bereiche Erneuerbare Energien und Energieeffizienz sind in auch in naher Zukunft interessant für deutsche Investoren. Zunehmend stark sind in Slowenien nach wie vor der Dienstleistungssektor und der Bereich Transport & Logistik.

ebn24: Inwiefern ist der Bereich Erneuerbare Energien ein interessanter Kooperationssektor?

Rantzen: Es gibt noch immer interessante Einspeisevergütungen.

ebn24: Gibt es denn so etwas wie eine slowenische Energiewende?

Rantzen: Nein, dass kann man so nicht sagen. Slowenien hält weiterhin an der Kernkraft fest. Allerdings haben sich insbesondere im privaten Bereich aufgrund der interessanten Förderung viele Bauherren von dem Konzept „Erneuerbare Energien“ oder auch Low-Energy Houses überzeugen lassen. In den Produktionsfirmen findet aufgrund der immensen Energiekosten auch ein langsamer Prozess des Umdenkens statt. Neben erneuerbare Energien geht hier viel mit Energiesparmaßnahmen.

ebn24: Welche Vorteile können sich Unternehmen von solchen Kooperationen erhoffen?

Rantzen: Die Kooperationen lohnen sich für deutsche Unternehmen, auf Grund der hohen Qualität der Produkte und des guten Preis-Leistungs-Verhältnisses.

Risiken: Lohnkosten, Zahlungsmoral und Bürokratie

ebn24: Welche Produktionsrisiken muss man am Standort einkalkulieren wie zum Beispiel Streiktage oder bezüglich der Arbeitsmoral?

(c) AHK Slowenien

Rantzen: Slowenien leidet leider immer noch unter zu hohen Produktions- und Arbeitskosten im Vergleich zu anderen osteuropäischen Ländern. Auch lässt die Zahlungsdisziplin oft noch zu wünschen übrig. Außerdem arbeitet die Bürokratie zu langsam und ist uneffektiv.

ebn24: Ist die Zahlungsdisziplin branchenimmanent oder eine Mentalitätsfrage?

Rantzen: Die Zahlungsdisziplin war bis zur Krise immer gut. Wir haben in den letzten 2 Jahren im Rahmen unserer Umfragen eine Verschlechterung festgestellt.

ebn24: Welche Rolle spielt Korruption am Standort und welche Branchen sind davon besonders betroffen?

Rantzen: Slowenien leidet weniger unter Korruption als unter dem kleinen slowenischem Markt und der weit verbreiteten Vetternwirtschaft. Persönliche Beziehungen sind immer noch ausschlaggebend bei der Vergabe von Posten und Aufträgen.

Slowenien plant Infrastrukturausbau im Bereich Verkehr und Logistik

ebn24: Thema Bürokratie: Auf welche zeitraubende Verwaltungsgänge (Steuern, Zölle, Sicherheitsbestimmungen etc.) müssen sich deutsche Unternehmer einstellen?

(c) Oliver Weber / pixelio.de

Rantzen: Es gibt leider lange Verfahrensdauern bei der Registrierung der Mehrwehrsteuernummern und auch die Vergabe von Baugenehmigungen zieht sich in die Länge.

ebn24: Gibt es besondere Herausforderungen im infrastrukturellen Bereich, die beachtet werden müssen?

Rantzen: Der slowenische Staat hat einige Projekte aufgegriffen, die in Zukunft besonderer Beachtung bedürfen. Zum einen die zweite Schienenstrecke zwischen dem Hafen in Koper und Divača. Dann die Schnellstraße von Norden nach Süden und die Erweiterung des Hafens in Koper, der Anbau eines dritten Piers.

ebn24: Gibt es eine einfach gestrickte Mentalitätsbeschreibung, die man pauschal dem Menschenschlag am Standort Slowenien zuordnen könnte?

Rantzen: Die Slowenen sind sehr familienorientiert und hegen wie gesagt enge persönliche Beziehungen. Sie sind heimatverbunden und sehr nationalbewusst. Ferner sind ihnen Gleichbehandlung und Hilfsbereitschaft wichtig.

Image der Deutschen: Diszipliniert, aber auch eigensüchtig

ebn24: Und der Gegenblick: welches Image haben die Deutschen in Slowenien?

Rantzen: Die Deutschen werden als individualistisch und diszipliniert wahrgenommen. Leider aber auch als eigensüchtig. Des Weiteren hört man oft die typischen deutschen Eigenschaften, wie arbeitsorientiert, pünktlich und fachlich kompetent.

ebn24: Welche Unterstützung bietet die AHK den interessierten Unternehmen?

Rantzen: Die AHK Slowenien bietet den deutschen Unternehmen ein breites Portfolio von Dienstleistungen an. Dazu zählen Dienstleistungen zum Auf- und Ausbau der Marktpräsenz, der Adressenrecherche, der Geschäftspartnervermittlung, wir bieten Fördermittelberatung, helfen bei Firmengründungen und geben Bonitätsauskünfte. Des Weiteren helfen wir Firmen ihr Tagesgeschäft zu meistern, indem wir Rechtsinformationen zur Verfügung stellen, bei der Lohnbuchhaltung und der MwSt-Registrierung helfen. Und natürlich leisten wir Übersetzungen.

ebn24: Herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Rantzen!

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ebn24-Partnerunternehmen am Standort Slowenien:

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Kreditgeschäft in Krisenzeiten – Ein lohnender Blick in die Gründungsgeschichte der Targobank

Revolutionär oder “total verrückt” ?

Die Wurzeln der Targobank reichen zurück bis ins ostpreußische Königsberg der Zwischenkriegszeit. Dort gründete Walter Kaminsky 1926 – zwischen der Hyperinflation 1923 und der Weltwirtschaftskrise 1929 – die Kundenkreditbank GmbH. Kreditgeschäft in Krisenzeiten? Ein Blick in die Geschichte lohnt sich.

Die in Königsberg ansässige Kundenkredit GmbH, 1929. (c) Targobank

“Kein Borger sei und auch Verleiher nicht; sich und den Freund verliert das Darlehn oft.” Die Königsberger Kaufmannschaft hat nicht viel von William Shakespeare gehalten. Zumindest ist die Gründung der ersten Konsum fördernden Verbraucherkredit-Institution ein Verstoß gegen des Dichters Votum.

Die meisten der 3,1 Millionen Kunden und 6.500 Angestellten in den 333 deutschen Niederlassungen der Targobank wissen nicht, dass die Wurzeln des mehr als 85-jährigen Bankunternehmens unter anderem im ostpreußischen Königsberg liegen, dem heutigen Kaliningrad. Mehr als das – stammt doch nicht nur die Bank aus Königsberg, sondern die Idee zur Gründung von Kundenkredit-Gesellschaften überhaupt. Die Keimzelle dieses Teilzahlungskreditgeschäftes war die am Königsberger Fritz-Tschierse-Platz ansässige Kundenkredit GmbH. Der Gedanke an eine solche Institution wurde im Frühjahr 1926 von Königsberger Einzelhändlern dem Prokuristen und promovierten Juristen Walter Kaminsky angetragen.

Walter Kaminsky bei einem Betriebsausflug. (c) Targobank

Dieser 1899 in Königsberg als Sohn einer alteingesessenen Kaufmannsfamilie geborene Kaminsky war ein Visionär. Mit bereits jungen 21 Jahren hatte er in Jena sein Jurastudium mit Promotion abgeschlossen. Nach einem kurzen Engagement in dem von polnischen Insurgenten umkämpften Oberschlesien trat er 1922 als Prokurist in den väterlichen Einzelhandelsbetrieb in Königsberg ein, wo er bis 1927 tätig war. In dieser Zeit wurde er Mitbegründer und stellvertretender Vorsitzender des Einzelhandelsverbandes sowie Vorstand der Industrie- und Handelskammer in der Pregelstadt.

Neuer Banktypus mit Kreditsicherungsmechanismen

Der Jurist Kaminsky griff die Idee von einem Institut zur bankmäßigen Förderung der Konsumenten auf und setzte sie mit der Gründung der Kundenkredit GmbH in die Realität um. Ein völlig neuer Banktypus war geboren. Nicht die Händler, sondern der Endverbraucher sollte unterstützt werden. Ein Prinzip, dem sich der Nachfolger dieses Kreditinstitutes, die Targobank, noch heute verbunden fühlt.

Kaminskys Bank wurde von ursprünglich 20 Einzelhändlern gegründet und getragen. Er selbst avancierte zum Vorsitzenden des Aufsichtsrates. Verschiedene Kontrollmechanismen reduzierten die Risiken für Bank, Einzelhändler und Konsumenten auf ein absolutes Minimum. So wurden Kredite nur für wertbeständige Konsumgüter wie Winterkleidung und Hausrat vergeben, die Kredithöhe war begrenzt und die Kredite wurden zudem nur für Geschäfte bei den die Bank tragenden Unternehmen gewährt. Darüber hinaus führte Kaminskys Kundenkredit einen dem Traveller-Scheck ähnlichen Warenkreditbrief ein.

Institutionalisierte Konsumförderung über Kredit galt als “komplett verrückt”

Das Königsberger Schloss war das Wahrzeichen der ostpreußischen Metropole. (c) snevern mediaplan

Zwar ist der Teilzahlungskredit bereits 1849 durch den Hamburger Textilien- und später auch Möbelhändler Alex Friedländer eingeführt worden. Dennoch war Kaminskys Kundenkredit GmbH die erste klassische Teilzahlungsbank Deutschlands.
Dabei wäre das schlichte Erfolgsrezept beinahe nicht umgesetzt worden, da die Gründung der “Kundenkredit” bei den Direktoren der Königsberger Banken, denen die Finanzierung des Modells angetragen worden war, nur Kopfschütteln hervorrief. Ein Bankier riet Kaminsky sogar, “das Geld in den nahen Pregel zu werfen, um sich wenigstens die Mühe der Kreditgewährung zu ersparen, da der Verlust des Geldes doch sicher“ sei. So jedenfalls zitiert der Chronist der Kundenkreditbank, Walter Zimmermann, die bekannten Reaktionen. Der kürzeste überlieferte Kommentar eines erhofften Finanziers lautete noch deutlicher: “Komplett verrückt!”

Die Königsberg Kundenkredit fand schnell Nachahmer

Den Bankiers saß noch die Hyperinflation von 1923 im Nacken und die Fragilität der Weimarer Republik war augenscheinlich. Dennoch, die Pioniere um Walter Kaminsky und der bahnbrechende Erfolg der Kundenkredit GmbH belehrten die Bankenzunft eines besseren. Der “kleine Mann” in Königsberg lieferte den Beweis für seine Vertrauenswürdigkeit, nachdem man ihm schon einmal die Gelegenheit zum kreditwürdigen Verhalten bot. Hatte die Bank trotz der wirtschaftlich schwierigen Zeit mit einem Verlust von geringen 2 Prozent gerechnet, so realisierte sich dieser Verlust mit lediglich unter 1 Prozent. Dazu hatte sicherlich die Begrenzung der Kredithöhe auf ein absolutes Maximum von 2.000 Reichsmark beigetragen.

Das Beispiel machte Schule. Handelskammern und Kaufleute aus dem gesamten Reich zeigten bald Interesse an dem Königsberger Konzept. Noch im gleichen Jahr wurden Kundenkreditanstalten in Hamburg und Spandau nach dem Königsberger Modell gegründet. Nicht anders als heute entstanden aber auch rasch Institute, die lediglich auf das schnelle Geld aus waren, aber auf die Kredit-Sicherungen des Königsberger Modells verzichteten. So schnell wie sie entstanden, gingen sie auch wieder in die Liquidierung. Ausschließlich die genossenschaftlich organisierten Institute in Hamburg und Spandau konnten neben der Königsberger Urzelle die Weltwirtschaftskrise gut überstehen.
Erst 1934 wurde ein Gesetz zur Regelung des Kreditwesens erlassen, um den Wildwuchs des privaten Kreditwesens in den Griff zu bekommen. Bis dahin unterlagen lediglich die öffentlich-rechtlichen Bankinstitute der staatlichen Aufsicht.

Die Kundenkredit ist bei Kriegsende bereits an Rhein und Ruhr etabliert

Die 1935 in Düsseldorf eröffnete Dependance der Kundenkredit wurde 1951 Stammsitz und zog 1955 in ein neues Objekt, das bis in die 80er Jahre genutzt wurde. (c) Targobank

Kaminsky gründete 1935 noch jeweils eine Kundenkreditbank in Düsseldorf und Dortmund. Selbst legte er seinen Vorsitz im Aufsichtsrat der Königsberger Kundenkredit GmbH Ende 1936 nieder, da er wegen seiner Bemühungen um angemessene Abfindungen für ausgeschlossene jüdische Gesellschafter als “Landesverräter” bezeichnet wurde.
Die Königsberger Kundenkredit GmbH ging mit der gesamten Stadt 1945 unter. Kaminsky selbst war bereits seit dem Jahr 1938 verstärkt im Rheinland eingebunden.

Die Schalterhalle der Kundenkredit in Düsseldorf. (c) Targobank

Die beiden Kundenkreditbanken in Düsseldorf und Dortmund konnten während des Krieges und in den darauffolgenden Jahren trotz aller Widrigkeiten jener Zeit den Geschäftsbetrieb fortsetzen und nach der Währungsreform im schnellen Tempo ausgebaut werden. Beide Institute fusionierten 1951 unter Kaminsky zur Kundenkreditbank KG a.A. (KKB), deren Mehrheitsanteile im Jahr 1973 von der First National Bank of New York übernommen wurden.

Ab 1991 firmiert das Unternehmen als Citibank und seit Februar 2010 als Targobank. Das Bankhaus gehört inzwischen zur französischen Crédit Mutuel Bankengruppe. Die Targobank ist heute die bundesweit führende Bank im Konsumentenkreditgeschäft.

Der Blick in die Gründungsgeschichte der Targobank lohnt angesichts der Parallelen zur heutigen Zeit. Investieren in Wachstum, ja. Aber nicht ohne die erforderlichen Kontrollmechanismen. Die Mentalität der Deutschen ist auch heute noch eher auf das Sparen als auf ungezügelten Konsum ausgelegt. Mäßigung ist eine gute Basis. Der Verbraucherkredit bleibt deshalb – gerade in Deutschland – ein probates und vor allem krisensicheres Geschäftsmodell zur Förderung des Konsums.

 

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Mode, Managerinnen und Mainz – Designerin Anja Gockel im Gespräch

Bernhard Knapstein für ebn24TV (ebn) im Gespräch mit der Modedesignerin und Unternehmerin Anja Gockel (AG) über Mode, Managerinnen, Mainz und über den Wirtschaftsstandort Deutschland. Das Gespräch wurde im Showroom ihres Mainzer Ateliers geführt.

Anja Gockel in ihrem Mainzer Atelier. (c) ebn24.TV

ebn: Frau Gockel, Sie bezeichnen Ihre Mode als super tragbar und als intelligente Kleidung. Gibt es eigentlich auch eine extrovertierte Anja Gockel?

AG: In der Vogue ist gerade ein sehr schöner Bericht über die letzten 15 Jahre Anja Gockel erschienen. Der zeigt, dass wir sehr extrovertiert und ganz extrem angefangen haben. 1994 hieß meine erste Kollektion „Lucie in the sky“. Genauso untragbar wie ein leuchtender Luftballon war diese Kollektion auch – transparent, bunt, farbig. Heute bin ich zu „Lucie on earth“ zurückgekommen und möchte jetzt Kleidung machen, die für Frauen tragbar ist. Kleidung, die ihre Besonderheit behält, denn ich möchte nicht in dem Einerlei der deutschen Modebranche untergehen.

Ob Spielplatz oder Chefetage – Mode für jeden Anlass

ebn: Ihre bodenständige Lebensart scheint sich auch in Ihren Entwürfen widerzuspiegeln. Ist das ein Trugschluss oder ist das die Konsequenz aus der einmal für richtig erkannten Lebensphilosophie?

AG: Ich freue mich, dass sie uns als so tragbar erkennen. Dafür habe ich hart gekämpft. Mein Ziel ist es, diese Kleider im täglichen Leben anziehen zu können. Intelligente Kleidung, ist für mich Kleidung, mit der ich meine fünfjährige Tochter auf dem Spielplatz abholen und anschließend in eine Sitzung gehen und mit Bankchefs sprechen kann. Solche Kleidung ermöglicht mir ein tolles Leben, weil sie mit mir geht und ich nicht etwa steif sitzen muss, weil sie keine Elastizität hat oder ich aufpassen muss, dass sie nicht knittert. Kleidung kann dazu beitragen, dass man sich in jeder Lebenssituation wohlfühlt.

ebn: Und für Frauen jeden Alters. Sie haben bei der diesjährigen Berliner Fashion Week das Supermodel der ´70er Jahre, Veruschka von Lehndorff, auf den Laufsteg geschickt und damit sehr aufsehenerregend auch die Altersunabhängigkeit ihrer Kleidung unter Beweis gestellt. In wie weit ist dieser geniale Coup auch Kritik an einer Modewelt, die sich im Jugendwahn befindet?

Anja Gockel kreiert alltagstaugliche Mode für jeden Anlass. (c) ebn24.TV

AG: Ich weiß nicht, ob ich als Modedesigner kritisieren kann. Ich möchte nur zeigen, dass das Alter was absolut Positives hat, wenn man es denn auslebt. Und ich finde, an der Persönlichkeit Veruschka sieht man, wie wunderschön man mit 72 Jahren sein kann. Jedes Jahrzehnt hat seine großen Vorzüge und Besonderheiten.

ebn: Das gilt ja sicherlich nicht nur für das Alter, sondern auch für andere Größen. Zumindest sieht man in vielen Modekatalogen zunehmend auch XXL-Mode. Gewinnen Alter und Leibesfülle nun auch in der Modewelt zunehmend an Marktwert?

AG: Ich habe schon 1996 mit der Gründung meines Labels von XS bis XXL, von 36 bis 48 geschneidert, weil ich selbst Frau bin und ich vier Kinder habe. Ich weiß, im Leben kann sich der Körperbau einer Frau verändern. Daher möchte ich als Designerin für alle Frauen Mode machen. Das ist keine Marketingherausforderung, sondern ich finde es moralisch wichtig. Wie kann es sein, dass eine Branche einem Menschen sagt, „du gehörst nicht dazu“?

Ich möchte gerne unser Schönheitsideal etwas korrigieren

ebn: Wenn Sie die Möglichkeit hätten Stellhebel zu bedienen, um in der Branche etwas zu verändern, was würden sie gerne tun?

AG: Ich würde gerne in der Modebranche das Schönheitsideal ein wenig korrigieren. Das ist meiner Meinung nach eben nicht rappeldürr, sondern gesund. Dieses gesund ist manchmal ein schmaler Grat. Ich mache offene Castings, um die Models für meine eigene Modenschau zu akquirieren. Jeder kann sich bewerben. Wir haben dann im Hotel Adlon einen schönen Raum und 150 Mädchen stehen vor der Tür. Denen sieht man an, ob sie gesund schlank sind, weil sie viel Sport machen, weil sie gesund essen, oder ob sie sich runter gehungert haben. Ich möchte, dass jeder in der Modebranche darauf ein Augenmerk hat. Man erkennt es an den Durchblutungsstörungen an den Händen und auch an den eingefallenen Wangen. Zwischen gesund-schlank und ungesund-dünn ist ein großer Unterschied. Ich habe selbst drei Töchter und ich möchte nicht, dass die auf den Plakaten sehen, „Oh, man muss eine XXS sein, um in dieser Welt angenommen zu werden.

ebn24-Chefredakteur Knapstein im Gespräch mit der Modedesignerin Anja Gockel. (c) ebn24.TV

ebn: Kommen wir zu Ihrer Karriere und Ihrem Erfolg. Sie haben bei Vivienne Westwood gelernt. Was hat Ihnen die Grand Dame der internationalen Modewelt an Fähigkeiten mit auf den Weg gegeben?

AG: Sie hat mir gezeigt, dass jeder Weg möglich, aber der eigene der Beste ist. Das hat mir von der Grundidee her geholfen. Man muss nur auch die Charakterstärke haben, es durchzuhalten und nicht nach fünf Jahren ohne den erträumten Erfolg auf ein anderes Marktfeld schwenken. Charakter heißt auch Dauer und Beständigkeit. Man muss Durchhaltevermögen haben, um das auch wirklich zu praktizieren und authentisch sein.

ebn: Sie müssen als Designerin für das eigene Label stets werben. Wäre es nicht vielleicht sinnvoller gewesen, die Spitzenangebote nach Ihrer Zeit bei Vivienne Westwood anzunehmen?

AG: Ja, Donna Karan und auch Jil Sander haben mir ein Angebot gemacht. Ich fand toll, was Vivienne Westwood macht, habe aber an jeder Ecke, jeder Position und in jedem Moment gesehen, was ich ganz anders machen würde. Und so wurde mir klar, ich will meinen eigenen Weg finden, meinen eigenen Stil kreieren und Frauen davon begeistern. Deshalb wäre es für mich verlorene Zeit gewesen.

ebn: Gibt es eine Lebensweisheit, die sie aus der Londoner Zeit mitgebracht haben?

AG: Ja, es gibt ein chinesisches Sprichwort, das auf London ganz gut passt: „Das Leben meisterst du lächelnd oder gar nicht“ und das ist bei einer 8 Millionen Stadt wie London einfach der Fall. Du musst dir den Humor der Engländer aneignen, sonst schaffst du es nicht, ohne Geld und ohne Hilfe in dieser Riesenstadt durchzukommen.

Mainz ist mein Anker in einer extremen Modewelt

ebn: Sie scheinen ja ein Paradebeispiel zu sein für die Vereinbarkeit von Familie und Karriere. Sind Sie privilegiert?

AG: Privilegiert bin ich auf keinen Fall. Ich habe mir das alles selbst aufgebaut. Ich bin vielleicht privilegiert, weil ich den richtigen Mann gefunden habe, mit dem man so etwas zusammen aufbauen kann. Ich glaube, unser Erfolgsgeheimnis ist, dass wir das Ganze gemeinsam machen. Und auch die Kinder sind nah dran und erleben uns in unserem Beruf. Wenn sie schon die Eltern ein Stück weit abgeben müssen, dann ist es schön, wenn sie von uns auch wieder etwas zurückbekommen.

ebn: Ich möchte Sie mit einem Zitat konfrontieren, Frau Gockel. Sie haben einmal gesagt, je älter ein Model sei, desto mehr Charakter muss es haben, um in diesem knallharten Geschäft zu bestehen. Ab 40 werde es dann allerdings schwieriger.

AG: Ich glaube, dass wir da auch nicht grundlegend was ändern können. Aber Franziska Knuppe, die mit Veruschka in der gleichen Modenschau mitgelaufen ist, ist bald 40. Auch sie ist ein Model, das bestimmt auch mit 50 und 60 noch mitlaufen kann. Nur, davon gibt es nicht so viele. Das liegt an unserer Welt, man muss in dieser Branche den Verlust der Jugend mit Charakter kompensieren. Veruschka ist dafür das beste Beispiel.

ebn: Wer hat Ihnen bisher das größte Kompliment zu Ihren Entwürfen gemacht?

AG: Das größte Kompliment machen mir meine Kunden, wenn sie sagen: „Mit Ihrer Kleidung hatte ich den schönsten Tag meines Lebens”.

ebn: Frau Gockel, als Unternehmerin sind Sie von London nach Mainz gezogen. Das ist nicht gerade die Hochburg der internationalen Modewelt, oder?

Mit Blick über den Rhein auf die Landeshauptstadt. Bild: (c) www.Clearlens-images.de / pixelio.de

AG: Mainz ist nicht die Hochburg und gleichzeitig ist es für mich der Anker und die Sicherheit, um in dieser extremen Welt der Mode überhaupt überleben zu können. Hätte ich diesen Anker nicht, würde ich wahrscheinlich emotional abheben. Deshalb ist diese Beschaulichkeit von Mainz und Rheinland-Pfalz genau das, was mich nährt und was mich stützt, um in Paris, Mailand und London bestehen zu können.

ebn: Also für Sie ein Standortvorteil?

AG: Total! In London hab ich ja auch vier Jahre mein Business aufgebaut. London bewegt sich so schnell. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Als ich in London endlich eine gute Produktionsstätte gefunden hatte und direkt nach der Saison anrief, sagten sie „I´m sorry, we are doing tins now!“, „Wir machen Dosen“. Die Schnelllebigkeit dieser Millionenstadt ist so rasant, dass man gegen diesen Fluss überhaupt nicht ankommt. Wahrscheinlich musste ich erst zehn Jahre aus Deutschland weggehen, um das so deutlich zu spüren. Diese Verlässlichkeit, die wir hier immer so belächeln, die ist phantastisch. Man kann darauf aufbauen und kreativ sein. Und das liebe ich an Deutschland und an Rheinland-Pfalz.

ebn: Keine Kritik?

AG: Natürlich gibt es in München viel Presse und in Berlin ist man näher dran an den Social Events der Modewelt. Da aber die Haupt-Events stattfinden, wenn wir die großen Modenschauen und Messen haben, bin ich so oder so eingeladen. Also ich kombiniere lieber dieses beschaulich Klare, in dem ich auch meine Kinder großziehen kann und mache dann den Ausflug in die große Welt, als umgekehrt. Das hatte ich vorher schon in London und in Hamburg erlebt. Mich würden keine zehn Pferde mehr in eine Millionenstadt kriegen.

Frauenquote ist für Anja Gockel keine Frage der Gleichberechtigung

ebn: Sie haben 2008 in einem dpa-Interview erklärt, sie würden ausschließlich in Deutschland produzieren. Sie liegen damit auf einer Linie mit dem Unterwäsche-Label Bruno Banani und auch mit dem allseits bekannten Trigema-Chef Wolfgang Grupp. Gilt die Aussage noch?

AG: Ja, die gilt. Ich beziehe es heute nur auf Europa. Ich würde nie wollen, dass wir in Bangladesh oder irgendwo produzieren, wo der Einfluss nicht mehr da ist, wo ich nicht sagen kann, ob Kinderarbeit im Spiel ist oder unter schlechten Bedingungen gearbeitet wird. Wir produzieren nach wie vor hauptsächlich in Deutschland und einen kleinen Teil auch in Europa. Nur die Stoffe selbst müssen aus Indien oder China bezogen werden.

ebn: Frau Gockel, als Unternehmerin: Wen würden Sie gerne mal zu sich einladen und sich mit Ihm oder Ihr austauschen?

AG: Susanne Porsche! Sie ist eine phantastische Frau, als Unternehmerin, als Mensch und als Mutter von zwei Kindern. Sie ist mit ihrer Leichtigkeit, Lockerheit und gleichzeitig Klarheit als Unternehmerin uns Frauen ein Vorbild. Sie beweist, dass eine Frau ein Unternehmen aufbauen und eine große Rolle spielen und gleichzeitig total normal und bodenständig bleiben kann.

ebn: Sind Sie eine Streiterin für die Gleichberechtigung von Mann und Frau im Management?

AG: Das ist ein wichtiges Thema, bei dem wir wirklich etwas ändern und nicht nur darüber sprechen sollten. Ich finde es ganz wichtig, dass mehr eine Balance zwischen Frauen und Männern in Führungspositionen entsteht. In Deutschland arbeiten derzeit nur 2,5 Prozent Frauen in Top-Führungspositionen gegenüber 97,5 Prozent Männer. Die Komplexität der Herausforderungen in dieser Welt können wir nur lösen, wenn wir männliche und weibliche Eigenschaften besser miteinander verknüpfen. Von daher setze ich mich dafür ein, dass wir da jetzt große Schritte unternehmen, sonst wird gar nichts passieren.

ebn: Ist das eine Frage des Wertewandels oder sind sie für die Quote?

AG: „Ich glaube, die Quote ist die einzige Möglichkeit. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass sich nichts erheblich geändert hat. Ich glaube aber auch, dass man die Quote unter ein anderes Licht stellen muss. Es geht eben nicht um die Gleichberechtigung der Frauen, denn wir sind gleichberechtigt. Es ist vielmehr eine wirtschaftliche und politische Notwendigkeit, dass wir die Frauen viel mehr in die Entscheidungswelt unserer Gesellschaft integrieren. Wir brauchen die Frau, um Probleme zu lösen. Wir müssen die Bedingungen so schaffen, dass sie auch als Chefärztin nicht auf Kinder verzichten muss. Das wäre ja furchtbar, wenn die intelligentesten Frauen Deutschlands keine Kinder mehr kriegen dürfen, nur um ihren Beruf weiter zu verfolgen.

ebn: Vielen Dank, Frau Gockel, für das Gespräch.

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125 Jahre “Made in Germany”

Aus dem Film “Sieben Gründe für Deutschland” von ebn24.TV

Deutsche Produkte sind Raubkopien und qualitativer Ramsch – dies war in der Zeit der zunehmenden Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts eine historische Realität. Selbst Solinger Produzenten stanzten in ihre Schneidwerkzeuge schon einmal ein “Sheffield” ein.

1887 wehrte sich Großbritannien mit dem “Merchandise Act” gegen die bis dahin nur schwer zu erkennende Billigware aus dem Deutschen Reich. Es galt, den Verbraucher zu warnen und die eigene Industrie zu schützen. Mit dem neuen Siegel “Made in Germany”wurden deutsche Importgüter gesetzlich stigmatisiert.

Doch das Antisiegel entwickelte sich rasch zum Bumerang. Die deutsche Industrie konzentrierte ihre Kräfte auf die Verbesserungen in der Qualität. Bereits 1897 konstatierte Kolonialminister Joseph Chamberlain, dass deutsche Produkte preisgünstiger und auch in der Qualität mit britischen Produkte konkurrierte oder diese sogar ausstach. Deutsche Ramschware – das war einmal. Heute, 125 Jahre nach Einführung des Siegels “Made in Germany” gilt dieser Aufdruck weltweit längst als Zertifizierung höchster Produktqualität.

ebn24TV hat im Rahmen des Medienprojektes “Wirtschaftsstandort Deutschland” eine kleine Film-Ode auf den deutschen Standort und das renommierte Markenzeichen produziert. Zum FILM. /BK

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