Fritz Hellwig: Die Saar im Herzen, die Industrie im Rücken & Europa im Visier

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Prof. Dr. Fritz Hellwig 2013 im Gespräch mit Gabriele Reis vom Europäischen Wirtschafts Verlag über die Begründung der Sozialen Marktwirtschaft. (Bild: ebn24TV)

Fritz Hellwig, der älteste noch lebende ehemalige Bundestagsabgeordnete wird am 2. August 2014 beachtliche 102 Jahre jung. Der 1912 in Saarbrücken geborene Hellwig war nicht irgendein Hinterbänkler, sondern hat echte Akzente in der deutschen Gegenwartsgeschichte gesetzt und Spuren des wirtschaftspolitischen Wirkens in Deutschland und in der Gründungsgeschichte der heutigen Europäischen Union hinterlassen.

Fritz Hellwig: vom Kampf um die Saar zur Industrie

Der Saarländer hatte 1930 sein Abitur mit Auszeichnung abgelegt und wurde nach nur drei Studienjahren in Marburg, Wien und Berlin mit einer Arbeit über den Saarkampf 1860-1870 promoviert. Das Schicksal der Saar im Ringen der Giganten hatten einen prägenden Einfluss auf Hellwig. Die Saar war auch sein Ringen. Als Student wurde der politisch motivierte Hellwig in Marburg Burschenschafter und nur 3 Jahre später mit einer Dissertation über den Saarkampf 1860-1870 promoviert. 1934/35 wirkte Fritz Hellwig als Agitator vor der Saar-Abstimmung im Januar 1935. Hellwig mochte seine Heimat nur als Teil des Deutschen Reiches sehen. In der Konsequenz seines politischen Bekenntnisses und seiner wissenschaftlichen Leidenschaft habilitierte er über den Saar-Industriellen Carl Ferdinand von Stumm-Halberg.

Fritz Hellwig wechselte anschließend von der Wissenschaft in die Wirtschaft. Von 1939 bis 1942 war er Geschäftsführer der Wirtschaftsgruppe Eisenschaffende Industrie Südwest in Saarbrücken und zeichnete in der Zeit der Besetzung Frankreichs auch für die dortige Montanindustrie verantwortlich. 1943 wurde Fritz Hellwig zum Kriegsverwaltungsrat in der Wirtschaftsinspektion Mitte der Ostfront ernannt. Nur ein Jahr später folgte allerdings die Einberufung in die Wehrmacht als Panzergrenadier. Sein Einsatz währte nur kurz, denn noch im gleichen Jahr geriet er in Kriegsgefangenschaft.

OLYMPUS DIGITAL CAMERANach seiner Entlassung 1947 galt Hellwig in seiner Heimat, im französisch besetzten Saarland als persona non grata. In der deutschen Wirtschaft, die sich von den Abgründen des Krieges aufzurappeln begann, genoß der Saarländer indessen einen guten Ruf. Er galt als Manager und Wissenschaftler und trat bald der CDU bei. Hellwig formulierte 1948 in der Düsseldorfer Notwohnung des späteren Bundesfinanzministers Franz Etzel maßgeblich den ersten Entwurf eines wirtschaftspolitischen Programms der Union und die späteren Düsseldorfer Leitsätze von 1949 mit. Hier tauchte erstmalig der Begriff der Sozialen Marktwirtschaft auf, die Ludwig Erhard in den kommenden Jahren zu einem deutschen Erfolgsmodell gedeihen ließ. In einem Interview mit dem Europäischen Wirtschafts Verlag für die Chronik “50 Jahre Wirtschaftsrat” erinnert sich Hellwig an diese Zeit des neuen wirtschaftspolitischen Aufbruchs:

Ludwig Erhard hatte eine Arbeit zu Papier gebracht mit Prinzipien zur Umstellung von Kriegs- auf Friedenswirtschaft, insbesondere in Bezug auf die inflationierende Währung. In seiner Arglosigkeit vervielfältigte er mehrere Exemplare und gab sie dem einen oder anderen Interessenten zur Lektüre. Auch wir hatten natürlich bei der Entwurfsarbeit Verbindung zu Erhard aufgenommen und uns ausgetauscht. Ludwig Erhard hielt auf dem Landesparteitag in Düsseldorf 1949 ein flammendes Plädoyer für die Soziale Marktwirtschaft und für die Wettbewerbswirtschaft. Adenauer sagte nach der Rede, „Wir brauchen ja eigentlich nur die Rede von Herrn Erhard zu nehmen und in eine Parteisprache zu übersetzen. Dann haben wir das Programm für den Wahlkampf.“ So wurden im Herbst 1949 aus unseren Entwürfen für das Parteiprogramm und Erhards Ideen die sogenannten Düsseldorfer Leitsätze.”

Zwei Jahre darauf übernahm Fritz Hellwig als Geschäftsführender Direktor die Leitung des Deutschen Industrieinstituts, das heutige Institut der deutschen Wirtschaft (IW).

1953 erstmals Einzug in den Deutschen Bundestag

1953 und 1959 wurde Hellwig in den Deutschen Bundestag und 1959 zusätzlich in das Europaparlament gewählt. 1959 avancierte Hellwig zum Kommissar und Vizepräsidenten der EG für Kohle und Stahl. Er hatte zunächst die Aufgabe, “die Bundesregierung und die zuständigen Minister von gewissen Entwicklungen zu unterrichten, damit die Bundesregierung nicht überrascht wurde von Maßnahmen der Hohe Behörde, z.B. gegen den einheitlichen Kohlenverkauf“, erinnert sich Hellwig. Zu Zeiten Adenauers berichtete er regelmäßig dem Bundeskanzler direkt. “Adenauer legte großen Wert darauf, von mir regelmäßig unterrichtet zu werden. Wenn ich ins Bundeskanzleramt kam, sagte mir mein persönlicher Referent immer: ,Der Bundeskanzler fragte ‚hat denn Herr Hellwig nicht mal wieder geschrieben?’ Adenauer erwartete immer eine laufende Unterrichtung, auch über die anderen Länder“, so Hellwig im Gespräch mit dem Europäischen Wirtschafts Verlag.

Fritz Hellwig ist der älteste noch lebende ehemalige Parlamentarier der jungen Bundesrepublik und hat sowohl die deutsch-französische Konfrontation als auch die deutsch-französische Freundschaft miterlebt und aktiv daran mitgewirkt. Seine Leidenschaft für das Saarland hat Hellwig sein Leben lang behalten und eine private Sammlung zur Geschichte des Saarlands aufgebaut. Er stiftete dem Landesarchiv Saarbrücken zwischen 2002 und 2010 weit mehr als 2000 Archivalien, darunter historischer Karten, Stiche und Drucke.

Kaum ein Lebender kennt die deutsch-französischen Entwicklungen zwischen dem Kampf um das Saarland und der deutsch-französischen Partnerschaft sowie die Gründungsphase der Europäischen Gemeinschaften besser als Prof. Dr. habil. Fritz Hellwig – ein Mann, den die junge Bundesrepublik nicht als Wirtschaftspolitiker in der ersten politischen Reihe wahrnahm, der aber genau dort seine Spuren nachhaltig hinterlassen hat.

 

Bernhard Knapstein

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