Die Lebensversicherung und der deutsche Weg zur Altersvorsorge

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Die Bundesregierung droht mit einer Reform die Lebensversicherung zu entwerten. Doch auch die nachwachsende Generation begeistert sich nicht mehr uneingeschränkt für den Klassiker in der privaten Altersvorsorge und befasst sich zunehmend mit der Aktie. Werden wir jetzt amerikanischer oder gibt es einen “German way of Life” in der Altersvorsorge?

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Im Gefolge der Finanzkrise diskutierte, als Annex eines Buches über den Finanzplatz Deutschland, ein Expertenforum die ökonomische Zukunft des Landes. Herausgeber des Buches, in dem auch die Zukunft der Altersvorsorge thematisiert wurde: der Europäische Wirtschafts Verlag des Darmstädter Verlegers Christian Kirk. Bild: ebn24TV

 

Noch im Jahr 2013 pries der Vorstandsvorsitzende der Generali, Dietmar Meister  als Co-Autor eines Wirtschaftsbuches über den Finanzplatz Deutschland die Lebensversicherung als unverzichtbaren Bestandteil der Altersvorsorge an. Zentrales Alleinstellungsmerkmal sei  “eine vorab garantierte Leistung, die zu einem festangelegten Zeitpunkt zur Verfügung” stehe und zeitlebens das nötige Einkommen sichere. Über Generationen galt die Lebensversicherung in der Tat als Sparbuch fürs Alter und nicht mehr so sehr als Absicherung  von Todes wegen, zur Besicherung von Zahlungsverpflichtungen und als Rückhalt für hinterbliebene Familienmitglieder.

Millionen Kunden trauten den Gesellschaften ein solides Wirtschaften und die Sicherheit der Anlage zu. Die Lebensversicherung ergänzte das private Vorsorgeportfolio, welches das eigene Sparbuch und das Eigenheim als elementare Säulen umfasste. Noch 2011, drei Jahre nach dem Beginn der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise,  stellte das Umfrageinstitut  IfD Allensbach in einer Umfrage fest, dass satte 74 % der Kunden von Lebensversicherungen die “möglichst sichere Anlage” als wichtigen Vertragsgrund betrachteten. Und dass selbst noch jeder Zehnte sich von der Versicherung eine “hohe Rendite” versprach, bestätigt den tiefen Glauben der Versicherten an ihre Lebensversicherung. Rund 78 Millionen Versicherungsverträge mit dem Ziel “Altersvorsorge”  in der 80 Millionen Einwohner umfassenden Bundesrepublik gegenüber “nur” 16 Millionen Risiko-Lebensversicherungen wirken da wie ein in Stein gemeißelter Beweis.

Junge Generation zwischen Konsum und Altersvorsorge

Doch der Markt der kapitalbildenden Lebens- und Rentenversicherungen bricht allmählich ein und das liegt nicht allein an dem Mangel an Vertrauen in die Rendite der Versicherung. So legt die jüngere Generation generell ein verändertes Vorsorgeverhalten an den Tag. Zum einen haben viele nicht mehr das Einkommen, um Vorsorge und Konsum für sich selbst zufriedenstellend in Einklang zu bringen. Das bestätigt beispielsweise auch der Vorstandsvorsitzende der Aachener Münchener Lebensversicherung Michael Westkamp im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. “Viele Menschen stellen das Sparen zunehmend ein und stecken ihr Geld in den Konsum”, so Westkamp. Gespart würde höchstens noch kurzfristig  für ein neues Handy oder eine Reise”.

Auf der anderen Seite entdecken immer mehr für sich die Aktie als Anlagemöglichkeit, auch wenn das Platzen der Dotcom-Blase und 2008 die Finanzkrise die bürgerliche Bereitschaft zur Investition in Unternehmen stark abgebremst hat. Für die Lebensversicherungen hatten diese beiden finanzwirtschaftlichen Zäsuren und das “Riestern” immerhin zur Folge, dass der ganz große Einbruch bisher ausgeblieben ist. Doch auch die Riesterrente wird mit der von der Bundesregierung geplanten Reform der Lebensversicherungen an Attraktivität verlieren. Die attraktive Alternative heißt “Aktie”. Was dem US-Bürger völlig normal ist, ist dem Deutschen freilich noch immer befremdlich. Darf man mit mühsam erworbenem Kapital riskant umgehen und in Unternehmen investieren, die von Wettbewerbern oder Regulierungsbehörden vom Markt gefegt werden könnten? Es wäre zumindest verwunderlich, wenn sich angesichts des Wegbrechens  rentabler klassischer AV-Bausteine – von der gesetzlichen Rentenversicherung bis zur privaten Kapital-LV- nicht der Cost-Average-Effekt als Grundlage für vernünftigen, langfristigen und renditeorientierten Aktienerwerb auch bei Haushalten mit kleineren Einkommen auf lange Sicht durchsetzte.

Reform der Lebensversicherung als Stolpersteine für das Produkt

Der aktuelle Vorstoß der Bundesregierung zur Reform der Lebensversicherung wirkt wie gefrierendes Wasser, das in die Ritzen des Asphalts eindringt und diesen letztlich zu sprengen droht.  Mit der Reform sollen die Ansprüche der Versicherten auf Gewinnbeteiligung reduziert werden. Wer in den 90er Jahren eine Kapitalbildende Lebensversicherung oder private Rentenversicherung abgeschlossen hatte, konnte mit einem Garantiezins von 4 % rechnen. Künftig soll der für neue Verträge nur noch bei 1,25 % liegen. Die meisten Geldmarktkonten bieten bessere Zinsen an und sind jederzeit verfügbar. Dennoch geht der Gesamtverband der deutschen Versicherer (GDV) davon aus, dass die Lebensversicherung durch die Kombination von Zinsgarantie, Risikoschutz und dem Bedarf an einer sicheren Altersvorsorge die Lebensversicherung weiterhin ein attraktiver Baustein bleiben wird. Man ist beim Verband froh über die Deregulierung, mit der die real vorhandenen Bewertungsreserven in den Vordergrund rücken und das Risiko der zu hohen Garantiezinsen zurückgenommen werden soll. Lediglich die von der Bundesregierung angestrebte Ausschüttungssperre gegenüber den Aktionären der Versicherungen sehen die Versicherer selbst naturgemäß kritisch, befürchtet man doch die nun ausbleibenden Kapitalströme. Ob es so arg kommen wird, bleibt abzuwarten. Versicherungen gelten auch bei Investoren als grundsätzlich solide Anlage auf lange Sicht.

Doch auch auf das veränderte Vorsorgeaufkommen der zur privaten Altersvorsorge genötigten Bürger, haben sich die Lebensversicherungen längst eingestellt und die flexible Fondsgebundene Lebensversicherung auf den Markt gebracht. Dem Kunden steht es bei guten Produkten frei, seine Beiträge in risiko-, chancen- oder sicherheitsorientierte Fonds fließen zu lassen. Auch hier gilt: da die LV langfristig regelmäßige Beiträge in die Fonds packen kann, profitiert auch hier der Versicherte vom Cost-Average-Effekt  und genießt – gewissermaßen als Bonus gegenüber der privaten Aktienspekulation – noch den Vorteil der professionellen und kaufmännischen Betreuung der Fonds.

Wenn sich das Anlageverhalten der Deutschen verändert, so mag im Vergleich zur Altersvorsorge der US-Bürger die Fondsgebundene Lebensversicherung der deutsche Weg in den gesicherten Ruhestand sein. Doch so ganz verschwinden wird auch die Kapitalbildende LV nicht. Sie entspricht einfach unserem deutschen Naturell der Organisiertheit und kontrollierten Sicherheit. Und so wirds am Ende dann wohl doch ein gesundes Portfolio sein, in das selbst die junge Generation die Lebensversicherung mit einbeziehen wird. Das zumindest wäre der typisch deutsche Weg zur angepassten Altersvorsorge.

 Bernhard Knapstein

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Eine Antwort auf Die Lebensversicherung und der deutsche Weg zur Altersvorsorge

  1. Aqiles sagt:

    Toller Artikel zur Riester-Rente. Ein paar Informationen über die genaue Höhe der Zuschüsse vom Staat währen sicherlich auch interessant. Ansonsten…

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