50 Jahre Wirtschaftsrat Deutschland

european business network – ebn24.com

Der Wirtschaftsrat Deutschland ist einer der einflussreichsten und wirtschaftspolitisch radikalsten Verbände auf dem politischen Markt. Seine Ecken sind spitz, seine Kanten scharf – dafür wird er bisweilen gehasst, in weiten Teilen aber mit hohem Respekt behandelt. Heute ist er 50 Jahre alt geworden.

Titel - 50 Jahre Wirtschaftsrat - Band 2Es ist der 9.12.2013 und ein denkwürdiger Tag. Vor genau 50 Jahren wurde auf Initiative von Alphons Horten, Kurt Schmücker, Dr. Scheufelen und anderen politischen Kräften im Dunstkreis von Kanzler Ludwig Erhard der Wirtschaftsrat der CDU gegründet. Grund genug für die Herausgabe einer Chronik, die in weiten Teilen die deutsche Wirtschaftsgeschichte beschreibt.

Der Unternehmerverband, der zwar CDU-nah ist, aber seine Unabhängigkeit auch immer wieder unter Beweis stellt, stellt – das hat auch Bundeskanzlerin Angela Merkel immer wieder betont – nicht nur unbequeme Fragen, sondern hat auch maßgeblich auf die deutsche Wirtschaftspolitik durch eigene Initiativen eingewirkt. So hat sein Präsident, Kurt Lauk, just gemeinsam mit dem Wirtschaftsflügel der Union den Koalitionsvertrag heftig kritisiert.

1963 bis 2013: Kampf um die Soziale Marktwirtschaft

50 Jahre Wirtschaftsrat, das ist der Kampf gegen die Gewerkschaften um die volle Mitbestimmung in den 60ern, das ist das Wirken für die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion – etwa im Rahmen des Euroforums 1968 – aber auch die Einführung des Umweltschutzes in den 70ern. Denn diese Politik wurde nicht – wie geflissentlich übersehen wird – von den Grünen erfunden. Ende der 70er bis Mitte der 80er Jahre veröffentlichte der Wirtschaftsrat eine ganze Reihe an Umweltschutzfibeln in Auflagen von Hunderttausenden zu den Themen Wasser, Luft, Lärm und Abfall. Der Wirtschaftsrat hatte es sich schon mit der ersten Ausgabe zur Aufgabe gemacht, die Öffentlichkeit auf den “Schutz unserer Umwelt, aber ebenso auf Sicherung unserer Lebensstandards” aufmerksam zu machen und in der Breite der Bevölkerung ein Umweltbewusstsein zu entwickeln. Innovative Broschüren, die den Weg auch ins Ausland fanden und etwa von der Universität Aleppo in Syrien angefordert wurden, wie die vom Europäischen Wirtschafts Verlag für den Verband publizierte Chronik herausstellt.

Heute stehen die Energiewende, der Fachkräftemangel und marode Verkehrinfrastrukturen in der Kritik, die transatlantische Freihandelszone auf der Tagesordnung und der Boomsektor Internet im Fokus des Wirtschaftsrates. Der Wirtschaftsrat war stets für alle Bundesregierungen – auch für die CDU-geführten – und selbst für eigene Unternehmer ein unbequemer Partner. Denn welche Unternehmer verzichten schon gerne auf die vom eigenen Verband aufs Korn genommenen Subventionen und Fördergelder?

Nicht Bestandssicherung für Unternehmer, sondern Funktionalitätssicherung für das Grundprinzip der Sozialen Marktwirtschaft führt der Wirtschaftsrat im Schilde. Soziale Marktwirtschaft, das ist soviel Markt wie möglich und so wenig Staat wie nötig – so hatte es Ludwig Erhard einst sinnstiftend formuliert. Das kann so schlecht nicht sein, bedenkt man den Erfolg dieser Erhard´schen Politik.

Europa hatte der Wirtschaftsrat schon früh auf dem Schirm

Es freilich nicht von der Hand gewiesen werden, dass der Kampf für die Soziale Marktwirtschaft immer wieder neu gefochten werden will. Zu groß ist das Bestreben des Staates alles regulieren zu wollen, was vermeintlich nicht im Lot ist. Und natürlich sind auch gegenwärtige Fragen zur Finanz- und Währungspolitik unter den Grundprinzipien der Sozialen Marktwirtschaft erlaubt: Durften die europäischen Banken von Staats wegen gerettet werden? Ist eine geordnete Staatsinsolvenz mit den Grundgesetzen der freien Marktwirtschaft in Einklang zu bringen, wenn Staaten sich selbst auferlegen, sich von Ratingagenturen wie Wirtschaftsunternehmen bewerten zu lassen? Die europäische Krise ist nicht von nationalistischen Kräften erkämpft, sie ist hausgemacht. Skurriler Weise ist die Soziale Marktwirtschaft nicht in deutschen Gesetzen, sondern in Artikel 3 des EU-Vertrages von Lissabon von 2009 kodifiziert.

Die Chronik des Wirtschaftsrates beinhaltet zahlreiche Interviews mit Zeitzeugen, etwa dem ältesten noch lebenden ehemaligen Abgeordneten des Deutschen Bundestages, Prof. Dr. Fritz Hellwig. Der ehemalige EG-Kommissar beschreibt darin die erste Verschriftlichung der Idee von der Sozialen Marktwirtschaft 1948 in einer Duisburger Notwohnung von Franz Etzel.

Solche Zeitzeugenberichte bereichern die Chronik ungemein und belegen die politische Bedeutung, die sich der Wirtschaftsrat in den fünf Dekaden erkämpft hat. Die Stimme der Sozialen Marktwirtschaft hat Gewicht, das muss sie auch, sonst verliert eine überregulierte deutsche Wirtschaft am Ende selbst an Gewicht in der Welt.

Bernhard Knapstein

Dieser Beitrag wurde unter Rezension, Wirtschaftsgeschichte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>