Florian Rentsch: Gesundheitswirtschaft in Hessen wächst trotz Herausforderungen

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Nur wenige Bereiche der Wirtschaft sind für den Lebensalltag der Menschen so unmittelbar relevant und erfahrbar wie die Gesundheitswirtschaft. Das gilt umso mehr vor dem Hintergrund des demografischen Wandels. Dieser ist eine wesentliche Ursache dafür, dass immer mehr Menschen im Gesundheitssektor beschäftigt, aber auch auf dessen Produkte und Dienstleistungen angewiesen sind. Waren 1991 erst 9,6 Prozent der Erwerbspersonen in Deutschland 55 Jahre und älter, lag der Anteil  2012 bereits über 15 Prozent. Eine stabile und erfolgreiche Gesundheitswirtschaft ist deshalb die Grundvoraussetzung einer Gesellschaft, deren Mitglieder auch im höheren Alter noch leistungsfähig sind. Gleichzeitig wird ein gesundheitsorientierter Lebensstil zum weltweiten Trend. Im zunehmenden Maße sind Menschen bereit, ihr privates Geld in Gesundheit und Vorsorge zu investieren. Von der weltweit boomenden Nachfrage nach Gesundheitsleistungen wird Hessen weiterhin profitieren.

Gesundheit als Faktor für Volkswirtschaft und Arbeitsmarkt

Das hat dazu geführt, dass bei der Betrachtung des Gesundheitsmarkts seit einigen Jahren nicht nur unter sozialpolitischen, sondern zunehmend auch unter volkswirtschaftlichen und arbeitsmarktbezogenen Gesichtspunkten gesehen wird.  Kein anderer Wirtschaftszweig in Deutschland bietet so viele Arbeitsplätze, und nur wenige andere Sektoren erzielen höhere Umsätze. Deshalb wird der Gesundheitssektor heute nicht mehr nur als konsumtiver Ausgabenfaktor gesehen, sondern er ist als tragende Säule der Gesamtwirtschaft anerkannt – gerade auch wegen seiner Zukunftspotenziale. Insbesondere die innovativen Teilbereiche der Medizin,  wie z. B. die Nano- oder Biomedizin, erschließen völlig neue Möglichkeiten und eröffnen aus ökonomischer Perspektive große Wachstumschancen. Hessen befindet sich auf einem guten Weg, dieses Potenzial freizusetzen und für sich nutzbar zu machen. So genießt z. B. die Gesundheitsforschung in Hessen in den Disziplinen Kardiologie, Onkologie und Neurobiologie internationalen Ruf,und die hessischen Unternehmen verfügen im Bereich der prozessorientierten Techniken über exzellentes Know-how.

Für mich als Hessischen Wirtschaftsminister drückt sich der Stellenwert der hessischen Gesundheitswirtschaft aber vor allem in ihrer Beschäftigungswirkung und in ihrer hohen Wertschöpfung aus. Zu den 200.000 sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen (Stand 2010) im Gesundheitswesen – dem Kernbereich der Gesundheitswirtschaft – kommen noch einmal rund 100.000 im Vorleistungs- und Zulieferbereich hinzu. Während die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in Hessen insgesamt im Zeitraum von 2000 bis 2010 stagnierte, erhöhte sich die Beschäftigtenzahl im hessischen Gesundheitswesen um rund 15 Prozent – in absoluten Zahlen ausgedrückt: 26.000 Arbeitsplätze. Ähnlich dynamisch entwickelte sich der Vorleistungs- und Zulieferbereich. Damit hat der Gesundheitssektor einen erheblichen Anteil am hessischen Wirtschaftswachstum und trägt rund 10 Prozent zur realen Bruttowertschöpfung des Landes bei.

Hessen gilt noch als die “Apotheke” Deutschlands 

Kennzeichnend für den hessischen Gesundheitsstandort ist der hohe Umsatzanteil der Vorleistungsindustrien. Nicht umsonst ist Hessen mit seinen international agierenden Unternehmen wie Novartis, Fresenius, Merck, Sanofi-Aventis oder Merz Pharma auch bekannt als die „Apotheke Deutschlands“. Ein Viertel des deutschen Pharmaumsatzes – das entspricht rund 10 Mrd. Euro – wird hier hier generiert. Das macht Hessen zum größten Pharmastandort in Deutschland. Charakteristisch für die hessische pharmazeutische Industrie ist ihre starke Ausrichtung auf Forschung, Entwicklung und Innovation, ihre hohe Exportquote (der Anteil des Auslandsumsatzes am Gesamtumsatz lag 2011 bei 72,7 Prozent) sowie ihre hohe Attraktivität für ausländische Investoren: 2010 erreichten die ausländischen Direktinvestitionen ein Volumen von 7,5 Milliarden Euro. Zudem hat die Wirtschaftskrise von 2008 bis 2010 wieder deutlich gezeigt, dass die international agierende Pharmabranche Hessens in konjunkturellen Krisen ein Stabilitätsanker ist.

Hessischer Wirtschaftsminister Florian Rentsch.

Der hessische Wirtschaftsminister hat deshalb jedes Interesse daran, dass diese Erfolgsgeschichte fortgeschrieben wird. Es kann mir daher nicht gleichgültig sein, dass die forschenden Pharmaunternehmen aktuell mit großen Herausforderungen zu kämpfen haben: So laufen viele Patente großer Umsatzträger aus, während die Produktpipeline nicht ausreichend neue Wirkstoffe liefert. Durch die Konkurrenz der Generikahersteller drohen hier massive Umsatzausfälle. Hinzu kommt, dass die Entwicklungs- und Zulassungskosten für neue Arzneimittelwirkstoffe stark ansteigen, während die Gesundheitssysteme – insbesondere auch im Leitmarkt Deutschland – auf die Kostenbremse treten und es erheblich erschweren, innovative und damit teure Arzneimittel in den Markt zu bringen. Die Pharmaindustrie läuft mithin Gefahr, in eine Abwärtsspirale zu geraten, so dass sie sich zur Verlagerungen von Investitionen ins Ausland gezwungen sehen könnte.

Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit ist zunächst Sache des Marktes

Die eigene Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit sicherzustellen, ist in erster Linie Aufgabe der Unternehmen selbst. Die Politik kann sie dabei aber unterstützen, indem sie günstige Rahmenbedingungen zur Bewältigung dieser Herausforderungen schafft. Infolgedessen fördert die Landesregierung den Innovations- und Technologietransfer sowie die Vernetzung und Clusterbildung; sie baut Bürokratie ab und strafft die Planungs- und Genehmigungsverfahren. Und sie hat eine Reihe von Maßnahmen eingeleitet, um die Fachkräfteversorgung der Unternehmen sicherzustellen.

Viele für den Gesundheitsstandort Hessen bedeutende Regelungen werden allerdings auf Bundes- und europäischer Ebene getroffen. Das gilt vor allem für die Ausgestaltung des Krankenversicherungssystems, das auf die Beziehungen zwischen Pharmaunternehmen und Krankenkassen anzuwendende Wettbewerbsrecht und auf die Regulierungen im Arzneimittelrecht. So war die Sozial- und Arbeitsmarktpolitik in Deutschland in den letzten Jahrzehnten in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) vor allem auf Kostenstabilisierung ausgerichtet. Natürlich erhöhen Beitragssatzsteigerungen in der GKV unabhängig von ihren Ursachen die Lohnzusatzkosten  erhöhen und gefährden damit Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplätze gefährden. Doch eine ausschließlich auf Kostenstabilisierung ausgerichtete Politik kann die Hebung von Wachstumspotenzialen erschweren.

 GKV: Finanzierungssysteme auf dem Prüfstand

Trotz der aktuell guten Finanzierungssituation der GKV ist deshalb zu überlegen, langfristig die Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung von den Lohnzusatzkosten zu abzukoppeln. Um die Marktmacht der Krankenkassen zu beschränken, wäre eine begrenzte Anwendung des Kartellrechts zweckmäßig; schließlich unterliegen die Vorleistungsindustrien einer solchen Kontrolle bereits und können den Kassen deshalb in den Verhandlungen um Rabattverträge nicht mit entsprechender Geschlossenheit entgegentreten. Zwangsrabatte und Preismoratorien sind aufgrund ihres planwirtschaftlichen Charakters allenfalls temporär zur Stützung der Krankenkassen im Umfeld einer Wirtschaftskrise tolerabel. Daher sollten die befristeten Maßnahmen des GKV-Änderungsgesetzes Ende 2013 auslaufen. Wir brauchen ein Preisgestaltungsverfahren, das es erlaubt, Innovationen angemessen zu berücksichtigen.

Ein modernes Gesundheitssystem soll den Bürgerinnen und Bürgern Versorgungssicherheit auf qualitativ hohem, aber auch erschwinglichem Niveau bieten. Dies zu realisieren, erfordert einen wirtschaftlich und gesellschaftlich vernünftigen Kompromiss. Nur auf diese Weise kann sichergestellt werden, dass der Gesundheitsstandort Hessen  auch in Zukunft ein starker und verlässlicher Wachstumstreiber bleibt.

Florian Rentsch

 

CV: Der 1975 im nordhessischen Kassel geborene Florian Rentsch ist Wirtschaftsminister des Landes Hessen. Der FDP-Politiker hat in Frankfurt am Main und in Mainz Rechtswissenschaften studiert und ist im Hauptberuf Rechtsanwalt. Rentsch ist verheiratet und hat eine Tochter. Der Beitrag entstand im Rahmen des von Christian Kirk herausgegebenen Medienprojektes “Gesundheitsstandort Hessen”.

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