Debatte zur Zukunft des Finanzplatzes Deutschland – Sinn für “abgespacte” Ideen

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Der Leo-Saal in der Vorstandsetage der ING-DiBa AG in Frankfurt war bis zum letzten Platz besetzt, als Vorstandsvorsitzender Roland Boekhout den vom Europäischen Wirtschafts Verlag ausgerichteten Wirtschaftsdialog mit seiner Begrüßung eröffnete. 200 Unternehmer, Manager und Banker nahmen an der Tagung teil, in deren Rahmen der Verlag sein neues Buch “Finanzplatz Deutschland. Chancen und Perspektiven” vorstellte.

Der Finanzplatz Deutschland wird im Wesentlichen durch “Mainhatten” Frankfurt am Main vertreten.        (c) ebn24TV / Timo Bartsch

Wolfgang Schäuble kurzfristig zu Sondierungsgesprächen nach Berlin

Bundesfinanzminister Dr. Wolfgang Schäuble, der mit einem Vorwort in dem Projekt vertreten ist, hatte sich mit einem Impulsvortrag angekündigt und wollte unmittelbar im Anschluss an die ECOFIN-Sitzung in Luxemburg nach Frankfurt reisen. Doch der Poker um die Koalitionsverhandlungen in Berlin hatte einen Strich durch diese Rechnung aller Beteiligter gemacht. Die letzten (und erfolglosen) Sondierungsgespräche mit den Grünen wurden just auf diesen Abend gelegt, Schäuble wurde nach Berlin beordert und sein Parlamentarischer Staatssekretär Steffen Kampeter übernahm kurzfristig den Termin in Frankfurt. In seinem Impulsvortrag zeigte sich Kampeter begeistert über den Ansatz des Initiators und Herausgebers des Finanzplatzbuches, Christian Kirk, dem das Schaffen von neuem Vertrauen in die Finanzwirtschaft ein primäres Anliegen gewesen sei.

Roland Boekhout, Steffen Kampeter, Christian Kirk, Thomas Schäfer, Patricia Szarvas, David Milleker, Carsten Brzeski, Prof. Horst Löchel und Dirk Müller (v.l.). (c) Bernhard Knapstein / ebn24TV

Mehr Vertrauen durch Asset Quality Review ?

In diesem Kontext stehe auch die an diesem Tag bei der ECOFIN beschlossene Bankenaufsicht der EU. Kampeter zeigte sich erleichtert, dass dieser Schritt als Vorbereitung für eine künftige Bankenunion nach nur 1 Jahr in Kraft treten könne. In der Finanzwirtschaft wird zwar nach einer aktuellen Umfrage des Center for Financial Studies (CFS) derzeit weitgehend bezweifelt, dass der europäische Bankenbilanztest (Asset Quality Review) tatsächlich das Vertrauen in die Banken wieder herstelle. Die Bankenunion sei allerdings das Herzstück des Bail-in-Regimes, erklärt indessen unbeirrt BMF-Staatssekretär Kampeter. Wer haftet wofür – das sei die zentrale Frage,  bei deren Beantwortung der Steuerzahler aus der Verpflichtung zu entlassen sei.

Hessens Finanzminister Dr. Thomas Schäfer, zu dessen Regierungsterrain die Finanzhochburg Frankfurt am Main zählt, betonte vor dem Auditorium, dass er noch mögliche Konflikte zwischen den Interessen zur Wettbewerbsfähigkeit einerseits und der Regulierungsnotwendigkeit andererseits sehe. Hier gelte es, ein akzeptables Gleichgewicht zu finden. Angesichts der Berliner Verhandlungen um eine neue Regierungskoalition erklärte er, dass erneute Steuererhöhungen nur für mit Blick auf Investitionen, nicht aber für die Konsumierung denkbar seien.

Heiße Debatte über Dirk Müllers Vorschlag zur Aushebelung von Solvency II

Im Rahmen einer von Patricia Szarvas geleiteten offenen Podiumsdiskussion kritisierte der Chefvolkswirt der Union Investment, David Milleker, dass, anders als Kampeter angedeutet habe, es sehr wohl eine Währungskrise gebe und “der Euro erst einmal lebensfähig gemacht” werden müsse. Für den Standort Deutschland seien aber auch noch andere Herausforderungen von höchstem Rang. “Wir sind unter-investiert”, rügte Milleker den Bedarf im Bereich der Infrastrukturen. Auch die Energiewende ist für ihn aus dem Ruder gelaufen.

Wirtschaftsdialog mit Dame: Das fachlich versierte Auditorium wurde immer wieder mit in die Podiumsdiskussion einbezogen. (v.l.) Hessens Finanzminister Dr. Thomas Schäfer, Prof. Dr. Horst Löchel, David Milleker, Carsten Brzeski, Dirk Müller und Moderatorin Patricia Szarvas. (c) Bernhard Knapstein / ebn24TV

Der Chefvolkswirt der ING-DiBa AG, Carsten Brzeski, empfahl einen Perspektivenwechsel. Der deutsche Blick helfe kaum. Es gehe um Europa, da man sich im Wettbewerb mit zwei Riesen befände, den USA und China.

Der TV-präsente Börsenmakler und Buchautor Dirk Müller sprang Millekers Kritik in Sachen Währungskrise bei und forderte eine offene Debatte in der die Öffentlichkeit mit einbezogen werde. Er wiederholte seinen in Wirtschaftskreisen bereits kursierenden Vorschlag von so genannten Infrastrukturfonds, die mit einer staatlichen Einlagegarantie versehen würden, um so Solvency II auszuhebeln und vorhandenes Kapital etwa bei Versicherungen und Privaten für den Infrastrukturausbau einsetzen zu können. Der Vorschlag, dem Milleker das Attribut “abgespacet” verlieh und der sichtlich faszinierte Minister Schäfer mit einer “eierlegenden Wollmilchsau” verglich, führte zu einer anregenden Diskussion, die auch im Publikum ankam. Grundsätzlich habe der Gedanke von der Veraktionierung von Infrastruktur – trotz vorhandener Fragestellungen – Charme, so das Fazit Millekers.

Mehr als 200 Unternehmer, Banker und Manager nahmen am Wirtschaftsdialog des Europäischen Wirtschafts Verlages in der Frankfurter ING-DiBa-Zentrale teil. (c) ebn24TV /Timo Bartsch

Kreditsicherung darf den reditablen Handel nicht abwürgen

Bei der Bankenregulierung hielt Prof. Dr. Horst Löchel von der Frankfurt School of Finance & Management eine Kreditabsicherung der Banken durch Eigenkapital von 15 bis 20 % für angemessen. Dem stimmte auch ING-DiBa-Chef Roland Boekhout zu. Rendite müsse aber noch möglich sein, sonst gäbe es auch keine Aktionäre mehr. Ein Votum, das in diesem Forum naturgemäß Zustimmung fand.

EWV / Bernhard Knapstein

 

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