Junge Tunesier vertun Ausbildungs-Chancen in Deutschland / Kritik an TAPiG-Programm

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Wenn ein Land in Schwierigkeiten ist, dann ist Deutschland grundsätzlich zur Hilfestellung bereit. Diese im Grunde wunderbare Einstellung der verhältnismäßig reichen  Bundesrepublik zeigt bisweilen auch seine Schattenseiten.

Um diese Hilfe strukturell schwachen Ländern gegenüber zu leisten, stehen dem Bundesministerium für Internationale Zusammenarbeit und Entwicklung BMZ allein schon im Haushaltsjahr 2013 satte 6,3 Milliarden Euro zur Verfügung. Mit 3 Mrd. Euro steht knapp die Hälfte des Haushalts für bilaterale staatliche Zusammenarbeit bereit.

Tunesien ist ein Chancenland

(c): Deutsche Bundespost

Eines der würdigen Nehmerländer ist Tunesien. Das Land ist mit seiner verhältnismäßig friedlichen Jasmin-Revolution die Keimzelle der Arabellion gewesen, die aktuell Ägypten ins Chaos stürzt. Tunesien ist mental und kulturell enger an Europa gebunden. Es zählt unter den so genannten FEMIP-Staaten, den EU-Nachbarländern im Mittelmeerraum, zu den Hoffnungsträgern. Investitionen gelten hier als lohnenswert. Der Europäische Wirtschafts Verlag des Darmstädter Verlegers Christian Kirk hat 2013 gemeinsam mit dem BMZ ein Buch über den Wirtschaftsstandort Tunesien veröffentlicht.  Das Buch gibt Aufschluss über die aktuellen rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen Tunesiens und ist auch online kostenfrei in Deutsch, Englisch und Französisch verfügbar. Am 25. August 2013 wird das Medienprojekt erneut im Rahmen des Tags der offenen Tür des BMZ vorgestellt und die Entwicklung Tunesiens im Rahmen einer Podiumsdiskussion diskutiert.

Sowohl die Kreditanstalt für Wiederaufbau KfW als auch die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GIZ unterstützen die Entwicklung des aufstrebenden Landes. Auch aus Europa kommt Hilfe. So hat die vom ehemaligen Bundesminister Dr. Werner Hoyer geführte Europäische Investitionsbank  EIB allein für Tunesien Darlehen im Umfang von 1,7 Mrd. Euro ausgeschüttet.

Die Tunesier gelten als fleißig und loyal ihren Arbeitsgebern gegenüber. So hatten während der Jasmin-Revolution die Mitarbeiter des Spielzeugherstellers Schlaich ohne Auftrag der Geschäftsführung “ihr” Werk vor Plünderungen geschützt und die Fabrik Tag und Nacht bewacht.

Wunschträume tunesischer Auszubildender gefährden TAPiG-Projekt

Eine Eigenschaft der Menschen, die auch die unter Personalmangel leidende Asklepios-Klinik in Hamburg nutzen wollte. Das Auswärtige Amt, das Goethe-Institut und weitere Organisationen hatten das Programm TAPiG (Transformationspartnerschaft im Gesundheitswesen) aufgelegt, durch welches jungen Tunesiern in Deutschland eine Ausbildung ermöglicht werden sollte. Allein die Asklepios-Klinik wollte 150 Ausbildungsverträge mit anschließender Übernahmegarantie übernehmen – zu Tarifgehältern von wenigstens 2.192,64 Euro für die ausgebildeten Krankenpfleger. Sechs Monate sollte vorneweg Kultur und Sprache vermittelt werden. Die Auszubildenden sollten in City-Apartments untergebracht werden.

Djerba Medina (c) Öger Tours

Was als “Leuchtturmprojekt” begann, scheint nun indessen an die Grenzen realkultureller Verhältnisse zu stoßen. Das TAPiG-Projekt gerät ins Stocken, da sich einige Auszubildende mehr erhofft hatten. Die Bild-Zeitung hatte sich mit dem Projekt auseinandergesetzt. Eine Auszubildende spricht offen ihre Beweggründe an: “Ich kam mit vielen Träumen her, dachte, Euros regnen vom Himmel. Ich habe von einem Auto geträumt, einer Villa – aber das blieben Träume.” (zit. BILD-Ztg. vom  17. August 2013). Einige Auszubildende schoben Rassismus und religiöse Gründe vor, um ihre Kritik am Projekt zu untermauern. Argumentiert wurde auch über den partiellen Rückzahlungsmodus. Die Teilnehmer des Ausbildungsprojektes sollten nach der Ausbildung rund 19.000,- Euro zurückzahlen – ein unter Berücksichtigung deutscher Bafög-Regelungen normaler Ablauf. Es stellt sich die Frage, weshalb die jungen Menschen mit derart paradiesischen Vorstellungen  nach Deutschland kommen konnten. Schon in Tunesien hätte man die die jungen Menschen auf die harten aber im Grund guten Aussichten vorbereiten und falsche Träume durch Vorgespräche von vornherein platzen lassen müssen.

Tunesier für Tunesien ausbilden – EU-Jugendarbeitslosigkeit konstruktiv nutzen

Asklepios hat inzwischen reagiert und 13 der ersten 25 Verträge wegen Unzuverlässigkeit gekündigt. Nur wenige Einwanderer sehen in der konsequenten Ausbildung auf hohem Niveau eine Chance fürs Leben. Mit der Ausbildung in deutschen Kliniken hätten die jungen Tunesier in ihrer Heimat später die besten Aussichten und trügen zur Verbesserung der Arbeitsprozesse in tunesischen Klinken bei.

Die Erfahrung zeigt, dass eine Förderung der nachwachsenden Generationen sinnvoller in dem Heimatland sein kann. Partnerschaften mit tunesischen Kliniken bzw. Unternehmen sind denkbar, bei dem ein Teil der Ausbildung ohne Übernahmegarantien in Deutschland absolviert werden kann. Kehrt der Auszubildende in sein Heimatland zurück, so ist er Kollegen ggb. fachlich im Zweifel voraus und trägt zur Verbesserung der Ausbildung in seinem Heimatland bei. Arbeitswilige Kräfte könnten deutsche Unternehmen nach Abschluss der Ausbildung abwerben und nach Deutschland holen, sofern Fachkräfte aus Deutschland und der EU nicht anzuwerben sind. Da Deutschland unter Fachkräftemangel  leidet, muss mit den außerhalb der EU stammenden Praktikanten und Auszubildenden über die zwar guten Ausbildungsmöglichkeiten, aber eben auch offen über tatsächlichen Lebensverhältnisse und vor allem über die Erwartungen deutscher Arbeitgeber hinsichtlich Arbeitsbereitschaft und -qualität in der Dienstausführung  gesprochen werden. Falsche Hoffnungen kosten im Zweifel schlichtweg Geld und langfristig auch Sympathiepunkte in den bilateralen Beziehungen.

Das Projekt TAPiG zeigt, dass auch die Anwerbung von Arbeitskräften aus dem Ausland mit Augenmaß und Realitätssinn erfolgen muss. Es zeigt auch, dass es im Zweifel besser ist, deutschen Schülern mit minderem Schulabschluss während der Berufsausbildung durch Fördermaßnahmen den höheren Abschluss in einem neu zu entwickelnden dualen System bei verlängerter Ausbildungszeit und damit auch den sozialen Aufstieg anzubieten.

Zusätzliche Leistungen wie übertarifliche Ausbildungsgehälter oder durch den Ausbau von sozial-kulturellen oder sportlichen Angeboten für Mitarbeiter könnten weitere Motivations-Anreize darstellen. Wo das deutsche Bildungssystem nicht weiterkommt, da kann durch eine aufgewertete berufsschulische Förderung Ausgleich geschaffen werden. Hier sind auch die Unternehmen selbst gefragt, neue Wege zu entwickeln und etwa durch eigene Pädagogen die Ausbildung auch für Schulabsolventen weiter aufzuwerten. Der Staat stößt durch immer fragwürdigere Schulmethoden  – so kann man als Schüler in Niedersachsen beispielsweise demnächst nicht mehr “sitzenbleiben” – an seine Grenzen, weil das Problem Demographischer Wandel und Fachkräftemangel durch die Beschleunigung der Schulausbildung auch zur schlechteren Bildung führt. Dies durch wohlwollende Programme im Ausland kompensieren zu wollen, ist durchaus kritikwürdig.

TAPiG-Erfahrungen nutzen und Programm anpassen

Entwicklungshilfe sollte sich auf das Entwicklungsland konzentrieren und der Fachkräftemangel zunächst in Deutschland und Europa gelöst werden. Eine Neuausrichtung des gut gemeinten TAPiG-Projektes auf die Förderung der Ausbildung in Tunesien selbst – mit entsprechenden längeren Praktika in der Bundesrepublik – erscheint sinnvoll, sollte dann aber nicht vom Auswärtigen Amt, sondern eher vom BMZ koordiniert werden. Der Fachkräftemangel kann zunächst innerhalb der EU gelöst werden. 25 bis 50 % Jugendarbeitslosigkeit in Spanien, Griechenland oder Portugal bietet – sollte man meinen – genügend Potenzial für die Anwerbung von Fachkräften bzw. Auszubildenden in allen Bereichen und Ausbildungsberufen zwischen Gesundheitswirtschaft, Handwerk und anderen Industrieberufsausbildungen.

Bernhard Knapstein

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3 Antworten auf Junge Tunesier vertun Ausbildungs-Chancen in Deutschland / Kritik an TAPiG-Programm

  1. ostpress sagt:

    Die Asklepios-Kliniken haben die Konsequenzen aus dem Vorfall gezogen: “Da die Unterschiede in den Erwartungen offenkundig unüberbrückbar sind, zieht sich der Arbeitgeber, die Asklepios Kliniken Hamburg GmbH, aus dem Projekt zurück. Das Projekt TAPiG kann folglich in den Asklepios Kliniken auch nicht mehr mit weiteren Kursen fortgeführt werden”, heißt es in einer Presseerklärung der Kliniken.

    Es ist in der Tat besser für Tunesien, dort auszubilden und durch Investitionsfördermaßnahmen etwa aus Mitteln des BMZ dem Land selbst zu helfen. Zugleich gilt es, in Europa die hohe Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen, indem hier bei leistungsgerechter Bezahlung nach Arbeitskräften für die sozialen Berufsbilder gesucht wird.
    Das Tapig-Programm des Auswärtigen Amtes war einfach der falsche Ansatz!

  2. Neirdah sagt:

    So einfach, wie es in oben im Artikel erläutert wird, ist es aber nicht mit dem Tapig-Projekt. Im Gegenteil, hier werden zahlreiche Fakten ausser Acht gelassen.

    1) die tunesische Krankenpflegeausbildung steht der Deutschen in nichts nach. Eher das Gegenteil ist der Fall. In Tunesien wird nur ausgebildet, wer die Hochschulreife besitzt. Und dann geht es für 3 Jahre an die Universität. Das Hochschulsystem ist übrigens dasselbe wie in Frankreich.

    2) Die Asklepios-Kliniken haben die Kooperation nicht etwa nur wegen nicht vereinbarer Vorstellungen gekündigt, sondern besonders auch wegen der zwielichtigen Rolle der Beratungsfirma TRISTAN aus Hamburg.

    3) In Zusammenhang mit TRISTAN tauchen auch die ominösen 19.000 Euro wieder auf, die eben nicht Bafög ähnlich in 20 Jahren zurück zu zahlen sind, sondern von TRISTAN in gewaltigen Raten per sofort eingefordert werden.

    4) TRISTAN besitzt eine Immobilienfirma, die ganz zufällig die Wohnungen für die tunesischen Pfleger stellt.

    Worum geht es? Das Tapig Projekt ist sicherlich aus guten und ehrbaren Motiven heraus geboren. Jedoch stellt sich die Frage nicht zunächst nach den Motiven der Tunesier, sondern nach denen der beteiligten deutschen Parteien. Hier wird Geld verdient und, im Falle Asklepios, Geld gespart. Natürlich könnte man auch deutsche Pfleger beschäftigen, aber die wollen sowieso mehr Geld. TRISTAN verdient(e) kräftig mit.

    Es geht aber nicht um die Motivation der Tunesier. Die dürfen doch soviel Geld verdienen wollen, wie sie möchten. Wer möchte das nicht? Wenn wir ein Problem mit eigenen Nachwuchskräften haben, dann liegt das tatsächlich am hiesigen Bildungsniveau. Und das ist beschämend. Und es liegt, was noch viel beschämender ist, am profitorientierten Wirtschaften privater Kliniken, um nur ein Beispiel zu nennen. Dort haben deutsche Ärzte und Pfleger schon seit geraumer Zeit wenig Chancen auf Arbeit und guten Verdienst.

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