Gesundheitsversorgung sichern – Mediziner brauchen Berufs- und Standortattraktivität

european business network – ebn24.com

Deutschland genießt im Ausland einen exzellenten Ruf in Fragen der Gesundheitswirtschaft. Patienten reisen sogar extra aus dem Ausland nach Deutschland, um sich hier komplizierten Operationen und speziellen Therapien  zu unterziehen. Dieser gute Ruf darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Land partiell unter einer medizinischen Unterversorgung leidet. Über Symptome und Wege aus der Krise setzt sich unser Autor Prof. Dr. Thomas Schlegel auseinander.

Autor: Prof. Dr. jur. Thomas Schlegel

Als 1992 bundesweit die Zulassungssperren für die Niederlassung von Ärzten als Antwort auf die damalige „Arztschwemme“ eingeführt wurde, konnte sich kaum jemand vorstellen, dass 20 Jahre später das Ringen um Ärzte zu einer bedeutenden Herausforderungen werden könnte.

Nun droht insbesondere in ländlichen Gebieten eine medizinische Unterversorgung. Im Bundesland Hessen sind aber bereits viele Maßnahmen ergriffen worden, um die ambulante und stationäre medizinische Versorgung wohnortnah zu gewährleisten.

Ärztemangel und seine Ursachen 

Woran liegt der drohende Mangel an Ärzten? Eine KBV-Studie zur Altersstruktur und Arztzahlenentwicklung (2010) gibt Aufschluss über die Hintergründe. Ein Hauptproblem ist das stetig steigende Durchschnittsalter der Ärzteschaft. Dieses liegt derzeit bei Vertragsärzten bei knapp 53 Jahren, bei stationär tätigen Ärzten mit knapp 42 immerhin knapp 10 Jahre darunter. Rund 25.000 Vertragsärzte sind derzeit bereits über 60 Jahre alt und gehören damit zur Gruppe der potentiell ihre Praxis abgebenden Ärzte. Dies entspricht zurzeit etwa 20% der insgesamt berufstätigen Ärzteschaft. Dies wäre unproblematisch, wenn die Anzahl der potenziellen Nachfolger dem die Waage hielte. Dem ist aber nicht so. Stattdessen ist die Zahl der unter 35-jährigen Berufseinsteiger der Ärzteschaft dramatisch auf knapp 17% gesunken. Beide Trends sind seit über 10 Jahren gegenläufig und verstärken die Sorge um eine künftige flächendeckende, wohnortnahe ärztliche Versorgung.

Das Bild ist im stationären Bereich ähnlich, denn auch hier herrscht Ärztemangel. Das Deutsche Krankenhaus Institut hat 2010 in einem Forschungsprojekt festgestellt, dass in Deutschland ca. 5.500 Arztstellen in stationären Einrichtungen nicht besetzt werden können. Die Autoren der Studie führen dazu aus: „Bis zum Jahr 2019 wird zur Bedarfsdeckung an Ärzten (inklusive der vertragsärztlichen Versorgung und anderer Bereiche) ein Zugang von 139.000 Ärzten benötigt. Diese Zahl setzt sich zusammen aus einem Ersatzbedarf von 108.000 Ärzten (vor allem infolge altersbedingter Berufsaufgaben) und einem Mehrbedarf von 31.000 Ärzten (insbesondere wegen der Bevölkerungs- und Mobilitätsentwicklung und der Zunahme der Teilzeitarbeit). Saldiert man den künftigen Ärztebedarf mit den wahrscheinlichen Neuzugängen aus dem Medizinstudium, dann würden nach dem derzeit realistischsten Szenario bis zum Jahr 2019 etwa 37.400 Ärzte fehlen“.

Auswirkungen für Gesundheitsversorgung in ländlicher Region 

Was bedeutet dies für die künftige Versorgungssituation insbesondere außerhalb von Ballungsgebieten, in denen 60 % der Bevölkerung in Hessen wohnen? Die Interdependenzen zwischen stationärer und ambulanter Versorgung werden in der Regel nur dort wahrgenommen, wo bereits Mangelerscheinungen auftreten. In vielen Regionen leisten sich die jeweiligen Sektoren jedoch noch den Luxus, sich zumeist auf der Basis von stereotypen Aussagen gegenseitig zu bekämpfen: „Krankenhäuser drängen in die ambulante Versorgung und vernichten die Existenz von Vertragsärzten“; „Krankenhausgeführte MVZ sind nur auf die Vernichtung von Praxen ausgerichtet“; “niedergelassene Ärzte missbrauchen ihre Zuweisungsmacht gegenüber Krankenhäusern” usw.

Der Bundesrat hat in seinem Beschluss vom 23.09.2011 zum Versorgungsstrukturgesetz (GKV-VSG) zum Thema Medizinische Versorgungszentren (MVZ) dagegen ausgeführt: In Sachsen befinden sich zum Beispiel die existierenden MVZ zu 50 Prozent in der Trägerschaft von Krankenhäusern. Dabei spielen insbesondere MVZ, die von kommunalen Trägern getragen werden, aber auch MVZ an Landeskrankenhäusern, eine herausragende Rolle. Ohne die Tätigkeit dieser MVZ wäre in einigen Regionen die ambulante ärztliche und psychotherapeutische Versorgung nicht mehr in dem erforderlichen Maße sichergestellt.“

 Im Klartext bedeutet dies

 Ø  für Krankenhäuser:

Das Wegsterben ambulanter Praxen bedroht Krankenhäuser, indem ihnen schlicht die Zuweiser und Nachbehandler fehlen.

 Ø  für ambulante Praxen

Die Verringerung der Zahl der ambulanten Haus- und Facharztpraxen reduziert bei gleichzeitig sinkender Nachfrage von Nachfolgern erheblich den Praxiswert. Sinkt die Auslastung des regionalen Krankenhauses und damit dessen Wirtschaftlichkeit, sind im besten Fall einzelne Abteilungen, schlimmstenfalls die ganze stationäre Einrichtung von der Schließung bedroht.

 Ø  für eine Kommune/Region

Der Wegfall einer funktionsfähigen regionalen Gesundheitsversorgung – ambulant und stationär – bedroht die gesamte Attraktivität eines kommunalen Standortes. Ohne intakte Gesundheitsversorgung werden keine jungen Familien zuziehen und die ältere Bevölkerung nicht mehr adäquat versorgt. Das betrifft auch die ärztliche Versorgung in örtlichen Pflegeeinrichtungen. Der Verlust der Standortattraktivität zieht zudem eine Reduktion der Attraktivität für Unternehmen nach sich, die einen geeigneten Standort für Neuansiedlungen suchen. Die Kommune kämpft daher gleichzeitig gegen Abwanderung der Bevölkerung, wie auch für die Erhöhung der Attraktivität für potenzielle Zuwanderung. Die Gesundheitsversorgung ist dabei ein wichtiger Schlüssel für die wirtschaftliche Entwicklung einer Region.

 Ressourcenteilung ist der Schlüssel künftiger medizinischer Versorgung 

Mit den vorgenannten Statistiken lässt sich jedoch nur die Symptomatik, nicht aber die Ursache der rückläufigen Arztzahlen darstellen. Wie schafft man es nun als Gemeinde in Hessen, Ärzten die Tätigkeit vor Ort schmackhaft zu machen? Das DKI stellt in seinem Forschungsprojekt für Krankenhäuser fest: „Zur Bekämpfung des Ärztemangels setzen viele Krankenhäuser zusehends finanzielle Anreizinstrumente ein, wie außer- oder übertarifliche Zahlungen, Leistungsprämien bzw. Boni oder die finanzielle Unterstützung von Kosten für Fortbildungen, Kongresse etc. Solche Anreizinstrumente werden überproportional von Krankenhäusern mit größerem Ärztemangel eingesetzt.“

Parallel setzt die Politik nicht zuletzt im Versorgungsstrukturgesetz auf finanzielle Anreize auch bei niedergelassenen Vertragsärzten, welche bereit sind, in unterversorgten Regionen ihre Tätigkeit (zumindest teilweise) aufzunehmen.

Diese wirtschaftlichen Maßnahmen sind sehr wichtig, da sie zweifellos den wirtschaftlichen Aspekt und die seit Jahren diesbezüglich bestehende Verunsicherung der Ärzteschaft adressieren. Für Freunde von Ärzteklischees mag es daher überraschen, dass der monetäre Verdienst nur ein Teilaspekt der Attraktivität des Arztberufes ist, wie die Studie von PD Dr. med. Rüdiger Jacob von der Universität Trier “Berufsmonitoring von Medizinstudenten” im Jahr 2010 feststellte. der Versorgungsatlas Rheinland-Pfalz der Universität Trier und der KV Rheinland-Pfalz fängt beim tatsächlichen regionalen medizinischen Versorgungsbedarf an. Dabei ist es nicht überraschend, dass dieser regional durchaus variieren kann. So ist beispielsweise die Häufigkeit von Depressionserkrankungen in einem Bundesland nicht flächendeckend identisch, sondern zeigt erhebliche regionale Abweichungen. Der sich daraus ergebende Haus- und Fachärztebedarf allein für dieses Krankheitsbild ist folglich ebenso unterschiedlich. So gibt es eine Vielzahl von Krankheitsbildern, deren regionaler medizinischer Bedarf erfasst und einer Evaluation sowie einer Interventionsplanung zugeführt werden kann. Dabei ist selbstverständlich die bestehende Versorgungssituation ambulant und stationär zu berücksichtigen, sowie konkrete Maßnahmen für festgestellten Versorgungsbedarf zu realisieren. Diese Erkenntnis führt jedoch zu einer regionalen Einzelfallbetrachtung, bei der die gesetzlichen Rahmenbedingungen zwar eine wichtige Rolle spielen, jedoch nur verfügbare Instrumente darstellen, die anhand der festgestellten Bedarfssituation aber regional unterschiedlich gespielt werden müssen.

Geld allein ist nicht attraktiv genug

Die Befragung von über 12.000 Medizinstudenten zeigte: Geld allein ist als Anreiz nur bedingt tauglich. Ein Großteil der Befragten möchte eher angestellt, denn selbständig tätig sein. Über 40% der Befragten gaben an, dass sie nicht in einer Einzelpraxis, sondern zumindest in einer Berufsausübungsgemeinschaft tätig sein wollen, da ihnen der kollegiale Austausch besonders wichtig sei. Als besonders wichtig wurde von den Befragten zudem die Vereinbarkeit von Familie und Beruf angegeben, nicht zuletzt auch die Notwendigkeit, dass der Lebenspartner auch vor Ort einen Beruf finden und ausüben kann. Viele der Befragten – mehrheitlich Frauen – streben eine Teilzeittätigkeit an.

Berufseinsteiger: Hessische Verbundweiterbildung im Dillenburger Pilotprojekt

Welche Konsequenzen ziehen nun niedergelassene Ärzte aus den vorgenannten Entwicklungen und Erkenntnissen? Zunächst gilt es für potentielle Berufseinsteiger für sich und ihre Lebensphase zu eruieren, welches Tätigkeitsmodell für sie am Geeignetsten ist. Die Übernahme und der Einstieg in eine Einzelpraxis in ländlichen Regionen wird dabei wohl überlegt und nicht zuletzt von den Einstiegsmodalitäten abhängig gemacht. Selbst wenn finanzielle Anreize winken und es wahrscheinlich ist, dass eine erhebliche Nachfrage an medizinischen Leistungen von Patienten vor Ort zu erwarten ist, wird heute daran gedacht, wer im Krankheits- oder Urlaubsfall die Praxis vertritt und ob es auf Dauer gesund erscheint, allein 3.000 bis 5.000 potentielle Patienten im Quartal allein zu versorgen.

Daher hat die Region Dillenburg in Hessen 2012 mit Unterstützung der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen das Pilotprojekt „Verbundweiterbildung“ gestartet, welches das regionale Krankenhaus und Arztnetz intensiv miteinander verbindet. Die Zusammenarbeit basiert darauf, Ärzten in der Weiterbildung zum Facharzt regional eine Vielzahl von Weiterbildungsmöglichkeiten im Krankenhaus und in den regional niedergelassenen Arztpraxen zu ermöglichen. Innerhalb der fünf Jahre Weiterbildung haben sich die jungen Ärztinnen und Ärzte soweit orientiert, dass sie in der Region einen Berufseinstieg als Praxisnachfolger, im Krankenhaus angestellt oder gar in beiden Bereichen tätig werden.

Erhalt der kommunalen medizinischen Versorgung ist ein Wirtschaftsfaktor 

Kommunen, die diese Interdependenz ihrer eigenen Attraktivität als Region und der daraus folgenden Wirtschaftskraft auf der Basis von Versorgungsangeboten verstanden haben, ermöglichen eine Reihe von Angeboten, die allein die Gesundheitsversorgung vor Ort gewährleistet. Am Rande des Rhein-Main-Gebietes liegen einige Regionen, in denen die überwiegende Anzahl der niedergelassenen Ärzte in Einzelpraxis tätig sind. In vielen Kommunen wird ein kommunales Krankenhaus betrieben. Einige Kommunen haben nunmehr selbst oder über Investoren ein an das Krankenhaus angrenzendes Ärztehaus/Gesundheitszentrum ausgeschrieben und bauen lassen. In diesem sind nunmehr überwiegend fachärztliche Praxen vertreten, aber auch Sanitätshaus, Pflegedienst, Apotheke, Zahnarzt sowie Physiotherapie. Für alle im Zentrum Angesiedelten bedeutet dies einen Wertzuwachs für ihre Praxen sowie die Sicherung der Attraktivität für weitere Kooperationspartner und Nachfolger. Die enge Verzahnung mit dem Krankenhaus ermöglicht ein verbessertes Angebot für Patienten und ist langfristig für stationäre und ambulante Leistungsangebote eine gute Ausgangsbasis auch in Zeiten des Ärztemangels. Die Kommune darf darauf zählen, dass dies zur gesamten Attraktivität des Standortes beiträgt und Unternehmen, wie auch Arbeitnehmer und deren Familien anzieht.

Insoweit sind Kommunen ein idealer Partner, um räumliche und fachliche medizinische bzw. ärztliche Kooperationen umzusetzen. Die Ausgangssituation wird regional unterschiedlich sein, doch der Bedarf nach intakter Gesundheitsversorgung ist überall vorhanden. In Hessen ist diese Strategie der räumlichen und intersektoralen Verzahnung bereits vielfach umgesetzt worden. Hessen hat darüber hinaus bei der onkologischen Versorgung diese Verzahnung durch das Hessische Onkologiekonzept noch weiter vorangetrieben, indem die Versorgung schwerstkranker Patienten  schwerpunktmäßig organisiert wird. Das ist im Hinblick auf die Verzahnung interdisziplinärer Leistungen auch für andere Bundesländer richtungsweisend.

 Prof. Dr. jur. Thomas Schlegel

Unser Autor ist Rechtsanwalt und Partner der Sozietät “Prof. Schlegel Hohmann & Partner“. Zudem ist er Professor für Arzt- und Medizinrecht im Fachbereich Gesundheitsökonomie an der Hochschule Fresenius in Idstein.

Dieser Beitrag wurde unter Gesundheit, Human Resources abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Gesundheitsversorgung sichern – Mediziner brauchen Berufs- und Standortattraktivität

  1. You’re absolutely right concerning the main subject. That is usually, we can write a lot about it, but you surprised essentials in your article.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>