Tourismus: 200 Jahre Leipziger Völkerschlacht

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Historien-Tourismus im großen Stil bewältigen kann den Ruf einer Destinantion langfristig auf ein hohes Niveau katapultieren. Aber auch kleine Kommunen haben Chancen, mit dem richtigen Konzept und einem passenden Angebot international Bedeutung zu gewinnen. Das 260-Seelen-Dorf Wacken steht dafür beispielhaft.

Foto: Anne Schulz/Westend-PR

Kommunale Gebietskörperschaften, die das historische Pech großer Schlachten zu erdulden hatten, können aus Tod und Verderben von einst heute Kapital schlagen. Das Unglück, Kriegsschauplatz zu werden, hatte im Jahr 1813 die Stadt Leipzig und ihr nahes Umland.

Vor 200 Jahren kämpften schossen und fielen für 4 Tage rund eine halbe Million Soldaten in der Leipziger Völkerschlacht. Napoleon mit seinen französischen, rheinischen und sächsischen Truppen auf der einen Seite und Russland, Preußen, Österreich sowie Schweden auf der anderen Seite.  Das Faszinosum “Leipziger Völkerschlacht” hat nicht nur Unmengen literarischer und wissenschaftlicher Publikationen, ein gewaltiges Denkmal aus Sandstein sowie eine nationale Erinnerungskultur nach sich gezogen, sondern als Ursuppe der deutschen Freiheits- und Einigungsbewegung auch die Chance, hieraus in der Gegenwart sinnstiftend Profit zu ziehen.

Die 200. Wiederkehr der Völkerschlacht im Oktober 2013 wird zu einem gut geplanten Großereignis. Immerhin, die Beratungen begannen bereits im Jahr 2008, erste Organisationsstrukturen waren 2009 ins Leben gerufen worden. Leipzig versteht es in der Tat die diversen Museen, Kulturschaffende und die reichlichen und weltweit verbreiteten Traditionsvereine mit Bezügen zur Völkerschlacht einzubeziehen und 200 Jahre nach dem Tod bringenden Ringen ein Fest der Völker und der Freiheit zu feiern. Freiheit in Leipzig erinnert nicht nur an die Völkerschlacht, sondern auch an die Montagsdemonstrationen 1989. Leipziger Freiheit, so heißt folgerichtig  dann auch die Imagekampagne der Stadt.

Die “Soldaten” und “Marketenderinnen” der Traditionsvereine, wie Freundeskreise  Lützower Jäger oder die 5. Preußische Brigade sowie ähnliche Vereine in Frankreich, Russland, Polen, Österreich bis runter nach Australien werden in diesem Jahr – gut koordiniert vom Verband Jahrfeier Völkerschlacht bei Leipzig 1813 eV und von der  von Dr. Volker Rodekamp geleiteten Steuerungsgruppe Leipzig 1813-1913-2013 – den Weg nach Leipzig finden detailgetreue Uniformen, nachgebaute Musketen, selbst geschmiedete Säbel und Kanonen im Gepäck. Sie kommen um hier die Schlacht nachzuempfinden und Gemeinschaft und Völkerverständigung zu pflegen.  Der Andrang der Völkerschlacht-Enthusiasten für Oktober ist in der Tat gewaltig. Bis zu 7.000 Laiendarsteller werden in und um Leipzig biwakieren und ein weiteres Heer von Touristen anlocken, so zumindest die Hoffnung der Leipziger Stadtoberen.  Pensionen, Hotels und Gasthäuser und natürlich auch den Handel dürfte den Andrang freuen. Der durchschnittliche Tagesgast gibt in Leipzig nach Angaben des Instituts dwif 38,60 Euro aus, zuzüglich etwaige Übernachtungskosten. Die durchschnittliche Auslastung der Leipziger Beherbungsbetriebe lag 2000 noch bei 37,2 %, 2010 bei 44, 7 % und im Vorjahr bei 49 %. In diesem Jahr rechnet die LTM GmbH mit einer Auslastung von 66 %, während beispielsweise Dresden mit einer Auslastung von 57 % auskommen muss. Genaue Zahlen zu dem Gästeansturm im Oktober 2013 kann allerdings auch der Geschäftsführer der DEHOGA Sachsen, Holm Retsch, noch nicht liefern.

Man habe laufend Jubiläen, wie das Richard-Wagner-Jahr, das gleichfalls 2013 durchgeführt wurde. Seit 2009 gebe es bereits keine “jubiläumsfreie Zeit”, so Retsch. Die Zahlen bestätigen den insgesamt positiven Trend. Im Jahr 2000 verzeichnete die Stadt an Pleiße und Elster noch 1,468 Mio. Übernachtungen, 2010 waren es 2,023 Mio und 2012 2,482 Mio. Übernachtungen. Bis 2015 soll die Zahl für Leipzig und Region auf 5 Mio. Übernachtungen anwachsen. Ein Ziel, das keineswegs ehrgeizig erscheint. Die Stadt Leipzig ist hoch attraktiv. Das Stadtbild hat sich in den vergangenen 2 Dekaden ständig verbessert. Architektonisch reizen nicht nur der Hauptbahnhof, das Reichsgericht und das Innenstadtensemble mit der nicht erst seit Baupleitier Jürgen Schneider weltbekannten Mädlerpassage. Ganze Stadtviertel haben ihren gründerzeitlichen oder Jugendstil-Charme.

Und auch der Ausbau der Verkehrswege im Umland hat sich glänzend entwickelt, zuletzt mit dem Bau der A38 im Süden der Stadt. Auch wenn die Leipziger jede Baustelle wie am Neuen Rathaus oder den City-Tunnel gerne umnörgeln, für Touristen ist die Stadt mit ihrem Erscheinungsbild und den alltäglichen Kulturangeboten und dem Einzelhandel in einem hohen Maße attraktiv. Kulturell zehrt die Stadt von Goethe (Auerbachs Keller), von Wagner, Bach und Mendelssohn-Bartholdy, von Schiller, Thomaner-Chor und von dem Gewandhaus der 600-jährigen Universität und sogar von dem bundesweit bekannten Zoo und natürlich neben weiteren messen von der Leipziger Buchmesse.  Das Grundgerüst stimmt also in Leipzig.

Wer Jubiläen plant, der muss aber auch auf ehrenamtliche Unterstützung im großen Stil bauen können. Dr. Rodenkamp verweist gegenüber ebn24 auf mehr als 100 Initiativen aus Leipzig-Stadt und Umland, die das Großereignis “Völkerschlacht” begleiten und das Programm durch Ausstellungen, Konzerte und Events erweitern.

Leipzig hat die richtigen Schritte gemacht und hat mit der Gründung der LTM GmbH sein Marketing weltweit aufgestellt. Ein Akt just zu dem Zeitpunkt, da Leipzig-Stadt und Land mit den Übernachtungen 2012 eine Zuwachsrate von 13,4 Prozent aufweist und im Ranking der deutschen Großstädte auf dem ersten Platz rangiert.  Eine frühere Marketingkampagne der Stadt lautete “Leipzig kommt!”. Das zieht heute nicht mehr, denn die Stadt hat – in Kooperation mit ihrem Umland – den Gipfel bestiegen.

Doch ist das Leipziger Modell auf andere Städte und Gemeinden übertragbar? Ist es jeder Kommune möglich, sich so zu entwickeln und zum touristischen Magneten zu mutieren?

Es müssen schon viele Faktoren zusammenkommen, die der Destination eine Aura der Einmaligkeit verleihen. Die fünf Grundsäulen sind Geografie, Geschichte, Ästhetik, Handel und Freizeitangebote. Eine einzelne Säule kann schon  genügen, um einen Ort zu einer touristischen Destination gedeihen zu lassen.

Bild: Leipzig Tourismus und Marketing GmbH

Doch auch kleinere Gemeinden ohne historischen oder geografischen Charme haben die Möglichkeit, mit dem richtigen Konzept Touristen anzuziehen und Umsatz zu generieren. Es sei daran erinnert: das Münchner Oktoberfest war einst nichts weiter als ein 1810 durchgeführtes Pferderennen und im 260 Seelen-Ort Wacken im schleswig-holsteinischen Kreis Steinburg kamen zwei Musiker auf die Idee zu einem Metal-Musikfest, das heute als Wacken Open Air  weltweit bekannt ist und jährlich 85.000 Teilnehmer anzieht.

Wo Geschichte und geografische Reize fehlen, können kulturelle und sportliche Ereignisse durchaus Geschichte schreiben, wenn Professionalität in der Organisation und Authentizität durch Akzeptanz in der Bevölkerung mitspielen.

Bernhard Knapstein /EWV

 

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