Mode, Managerinnen und Mainz – Designerin Anja Gockel im Gespräch

Bernhard Knapstein für ebn24TV (ebn) im Gespräch mit der Modedesignerin und Unternehmerin Anja Gockel (AG) über Mode, Managerinnen, Mainz und über den Wirtschaftsstandort Deutschland. Das Gespräch wurde im Showroom ihres Mainzer Ateliers geführt.

Anja Gockel in ihrem Mainzer Atelier. (c) ebn24.TV

ebn: Frau Gockel, Sie bezeichnen Ihre Mode als super tragbar und als intelligente Kleidung. Gibt es eigentlich auch eine extrovertierte Anja Gockel?

AG: In der Vogue ist gerade ein sehr schöner Bericht über die letzten 15 Jahre Anja Gockel erschienen. Der zeigt, dass wir sehr extrovertiert und ganz extrem angefangen haben. 1994 hieß meine erste Kollektion „Lucie in the sky“. Genauso untragbar wie ein leuchtender Luftballon war diese Kollektion auch – transparent, bunt, farbig. Heute bin ich zu „Lucie on earth“ zurückgekommen und möchte jetzt Kleidung machen, die für Frauen tragbar ist. Kleidung, die ihre Besonderheit behält, denn ich möchte nicht in dem Einerlei der deutschen Modebranche untergehen.

Ob Spielplatz oder Chefetage – Mode für jeden Anlass

ebn: Ihre bodenständige Lebensart scheint sich auch in Ihren Entwürfen widerzuspiegeln. Ist das ein Trugschluss oder ist das die Konsequenz aus der einmal für richtig erkannten Lebensphilosophie?

AG: Ich freue mich, dass sie uns als so tragbar erkennen. Dafür habe ich hart gekämpft. Mein Ziel ist es, diese Kleider im täglichen Leben anziehen zu können. Intelligente Kleidung, ist für mich Kleidung, mit der ich meine fünfjährige Tochter auf dem Spielplatz abholen und anschließend in eine Sitzung gehen und mit Bankchefs sprechen kann. Solche Kleidung ermöglicht mir ein tolles Leben, weil sie mit mir geht und ich nicht etwa steif sitzen muss, weil sie keine Elastizität hat oder ich aufpassen muss, dass sie nicht knittert. Kleidung kann dazu beitragen, dass man sich in jeder Lebenssituation wohlfühlt.

ebn: Und für Frauen jeden Alters. Sie haben bei der diesjährigen Berliner Fashion Week das Supermodel der ´70er Jahre, Veruschka von Lehndorff, auf den Laufsteg geschickt und damit sehr aufsehenerregend auch die Altersunabhängigkeit ihrer Kleidung unter Beweis gestellt. In wie weit ist dieser geniale Coup auch Kritik an einer Modewelt, die sich im Jugendwahn befindet?

Anja Gockel kreiert alltagstaugliche Mode für jeden Anlass. (c) ebn24.TV

AG: Ich weiß nicht, ob ich als Modedesigner kritisieren kann. Ich möchte nur zeigen, dass das Alter was absolut Positives hat, wenn man es denn auslebt. Und ich finde, an der Persönlichkeit Veruschka sieht man, wie wunderschön man mit 72 Jahren sein kann. Jedes Jahrzehnt hat seine großen Vorzüge und Besonderheiten.

ebn: Das gilt ja sicherlich nicht nur für das Alter, sondern auch für andere Größen. Zumindest sieht man in vielen Modekatalogen zunehmend auch XXL-Mode. Gewinnen Alter und Leibesfülle nun auch in der Modewelt zunehmend an Marktwert?

AG: Ich habe schon 1996 mit der Gründung meines Labels von XS bis XXL, von 36 bis 48 geschneidert, weil ich selbst Frau bin und ich vier Kinder habe. Ich weiß, im Leben kann sich der Körperbau einer Frau verändern. Daher möchte ich als Designerin für alle Frauen Mode machen. Das ist keine Marketingherausforderung, sondern ich finde es moralisch wichtig. Wie kann es sein, dass eine Branche einem Menschen sagt, „du gehörst nicht dazu“?

Ich möchte gerne unser Schönheitsideal etwas korrigieren

ebn: Wenn Sie die Möglichkeit hätten Stellhebel zu bedienen, um in der Branche etwas zu verändern, was würden sie gerne tun?

AG: Ich würde gerne in der Modebranche das Schönheitsideal ein wenig korrigieren. Das ist meiner Meinung nach eben nicht rappeldürr, sondern gesund. Dieses gesund ist manchmal ein schmaler Grat. Ich mache offene Castings, um die Models für meine eigene Modenschau zu akquirieren. Jeder kann sich bewerben. Wir haben dann im Hotel Adlon einen schönen Raum und 150 Mädchen stehen vor der Tür. Denen sieht man an, ob sie gesund schlank sind, weil sie viel Sport machen, weil sie gesund essen, oder ob sie sich runter gehungert haben. Ich möchte, dass jeder in der Modebranche darauf ein Augenmerk hat. Man erkennt es an den Durchblutungsstörungen an den Händen und auch an den eingefallenen Wangen. Zwischen gesund-schlank und ungesund-dünn ist ein großer Unterschied. Ich habe selbst drei Töchter und ich möchte nicht, dass die auf den Plakaten sehen, „Oh, man muss eine XXS sein, um in dieser Welt angenommen zu werden.

ebn24-Chefredakteur Knapstein im Gespräch mit der Modedesignerin Anja Gockel. (c) ebn24.TV

ebn: Kommen wir zu Ihrer Karriere und Ihrem Erfolg. Sie haben bei Vivienne Westwood gelernt. Was hat Ihnen die Grand Dame der internationalen Modewelt an Fähigkeiten mit auf den Weg gegeben?

AG: Sie hat mir gezeigt, dass jeder Weg möglich, aber der eigene der Beste ist. Das hat mir von der Grundidee her geholfen. Man muss nur auch die Charakterstärke haben, es durchzuhalten und nicht nach fünf Jahren ohne den erträumten Erfolg auf ein anderes Marktfeld schwenken. Charakter heißt auch Dauer und Beständigkeit. Man muss Durchhaltevermögen haben, um das auch wirklich zu praktizieren und authentisch sein.

ebn: Sie müssen als Designerin für das eigene Label stets werben. Wäre es nicht vielleicht sinnvoller gewesen, die Spitzenangebote nach Ihrer Zeit bei Vivienne Westwood anzunehmen?

AG: Ja, Donna Karan und auch Jil Sander haben mir ein Angebot gemacht. Ich fand toll, was Vivienne Westwood macht, habe aber an jeder Ecke, jeder Position und in jedem Moment gesehen, was ich ganz anders machen würde. Und so wurde mir klar, ich will meinen eigenen Weg finden, meinen eigenen Stil kreieren und Frauen davon begeistern. Deshalb wäre es für mich verlorene Zeit gewesen.

ebn: Gibt es eine Lebensweisheit, die sie aus der Londoner Zeit mitgebracht haben?

AG: Ja, es gibt ein chinesisches Sprichwort, das auf London ganz gut passt: „Das Leben meisterst du lächelnd oder gar nicht“ und das ist bei einer 8 Millionen Stadt wie London einfach der Fall. Du musst dir den Humor der Engländer aneignen, sonst schaffst du es nicht, ohne Geld und ohne Hilfe in dieser Riesenstadt durchzukommen.

Mainz ist mein Anker in einer extremen Modewelt

ebn: Sie scheinen ja ein Paradebeispiel zu sein für die Vereinbarkeit von Familie und Karriere. Sind Sie privilegiert?

AG: Privilegiert bin ich auf keinen Fall. Ich habe mir das alles selbst aufgebaut. Ich bin vielleicht privilegiert, weil ich den richtigen Mann gefunden habe, mit dem man so etwas zusammen aufbauen kann. Ich glaube, unser Erfolgsgeheimnis ist, dass wir das Ganze gemeinsam machen. Und auch die Kinder sind nah dran und erleben uns in unserem Beruf. Wenn sie schon die Eltern ein Stück weit abgeben müssen, dann ist es schön, wenn sie von uns auch wieder etwas zurückbekommen.

ebn: Ich möchte Sie mit einem Zitat konfrontieren, Frau Gockel. Sie haben einmal gesagt, je älter ein Model sei, desto mehr Charakter muss es haben, um in diesem knallharten Geschäft zu bestehen. Ab 40 werde es dann allerdings schwieriger.

AG: Ich glaube, dass wir da auch nicht grundlegend was ändern können. Aber Franziska Knuppe, die mit Veruschka in der gleichen Modenschau mitgelaufen ist, ist bald 40. Auch sie ist ein Model, das bestimmt auch mit 50 und 60 noch mitlaufen kann. Nur, davon gibt es nicht so viele. Das liegt an unserer Welt, man muss in dieser Branche den Verlust der Jugend mit Charakter kompensieren. Veruschka ist dafür das beste Beispiel.

ebn: Wer hat Ihnen bisher das größte Kompliment zu Ihren Entwürfen gemacht?

AG: Das größte Kompliment machen mir meine Kunden, wenn sie sagen: „Mit Ihrer Kleidung hatte ich den schönsten Tag meines Lebens”.

ebn: Frau Gockel, als Unternehmerin sind Sie von London nach Mainz gezogen. Das ist nicht gerade die Hochburg der internationalen Modewelt, oder?

Mit Blick über den Rhein auf die Landeshauptstadt. Bild: (c) www.Clearlens-images.de / pixelio.de

AG: Mainz ist nicht die Hochburg und gleichzeitig ist es für mich der Anker und die Sicherheit, um in dieser extremen Welt der Mode überhaupt überleben zu können. Hätte ich diesen Anker nicht, würde ich wahrscheinlich emotional abheben. Deshalb ist diese Beschaulichkeit von Mainz und Rheinland-Pfalz genau das, was mich nährt und was mich stützt, um in Paris, Mailand und London bestehen zu können.

ebn: Also für Sie ein Standortvorteil?

AG: Total! In London hab ich ja auch vier Jahre mein Business aufgebaut. London bewegt sich so schnell. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Als ich in London endlich eine gute Produktionsstätte gefunden hatte und direkt nach der Saison anrief, sagten sie „I´m sorry, we are doing tins now!“, „Wir machen Dosen“. Die Schnelllebigkeit dieser Millionenstadt ist so rasant, dass man gegen diesen Fluss überhaupt nicht ankommt. Wahrscheinlich musste ich erst zehn Jahre aus Deutschland weggehen, um das so deutlich zu spüren. Diese Verlässlichkeit, die wir hier immer so belächeln, die ist phantastisch. Man kann darauf aufbauen und kreativ sein. Und das liebe ich an Deutschland und an Rheinland-Pfalz.

ebn: Keine Kritik?

AG: Natürlich gibt es in München viel Presse und in Berlin ist man näher dran an den Social Events der Modewelt. Da aber die Haupt-Events stattfinden, wenn wir die großen Modenschauen und Messen haben, bin ich so oder so eingeladen. Also ich kombiniere lieber dieses beschaulich Klare, in dem ich auch meine Kinder großziehen kann und mache dann den Ausflug in die große Welt, als umgekehrt. Das hatte ich vorher schon in London und in Hamburg erlebt. Mich würden keine zehn Pferde mehr in eine Millionenstadt kriegen.

Frauenquote ist für Anja Gockel keine Frage der Gleichberechtigung

ebn: Sie haben 2008 in einem dpa-Interview erklärt, sie würden ausschließlich in Deutschland produzieren. Sie liegen damit auf einer Linie mit dem Unterwäsche-Label Bruno Banani und auch mit dem allseits bekannten Trigema-Chef Wolfgang Grupp. Gilt die Aussage noch?

AG: Ja, die gilt. Ich beziehe es heute nur auf Europa. Ich würde nie wollen, dass wir in Bangladesh oder irgendwo produzieren, wo der Einfluss nicht mehr da ist, wo ich nicht sagen kann, ob Kinderarbeit im Spiel ist oder unter schlechten Bedingungen gearbeitet wird. Wir produzieren nach wie vor hauptsächlich in Deutschland und einen kleinen Teil auch in Europa. Nur die Stoffe selbst müssen aus Indien oder China bezogen werden.

ebn: Frau Gockel, als Unternehmerin: Wen würden Sie gerne mal zu sich einladen und sich mit Ihm oder Ihr austauschen?

AG: Susanne Porsche! Sie ist eine phantastische Frau, als Unternehmerin, als Mensch und als Mutter von zwei Kindern. Sie ist mit ihrer Leichtigkeit, Lockerheit und gleichzeitig Klarheit als Unternehmerin uns Frauen ein Vorbild. Sie beweist, dass eine Frau ein Unternehmen aufbauen und eine große Rolle spielen und gleichzeitig total normal und bodenständig bleiben kann.

ebn: Sind Sie eine Streiterin für die Gleichberechtigung von Mann und Frau im Management?

AG: Das ist ein wichtiges Thema, bei dem wir wirklich etwas ändern und nicht nur darüber sprechen sollten. Ich finde es ganz wichtig, dass mehr eine Balance zwischen Frauen und Männern in Führungspositionen entsteht. In Deutschland arbeiten derzeit nur 2,5 Prozent Frauen in Top-Führungspositionen gegenüber 97,5 Prozent Männer. Die Komplexität der Herausforderungen in dieser Welt können wir nur lösen, wenn wir männliche und weibliche Eigenschaften besser miteinander verknüpfen. Von daher setze ich mich dafür ein, dass wir da jetzt große Schritte unternehmen, sonst wird gar nichts passieren.

ebn: Ist das eine Frage des Wertewandels oder sind sie für die Quote?

AG: „Ich glaube, die Quote ist die einzige Möglichkeit. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass sich nichts erheblich geändert hat. Ich glaube aber auch, dass man die Quote unter ein anderes Licht stellen muss. Es geht eben nicht um die Gleichberechtigung der Frauen, denn wir sind gleichberechtigt. Es ist vielmehr eine wirtschaftliche und politische Notwendigkeit, dass wir die Frauen viel mehr in die Entscheidungswelt unserer Gesellschaft integrieren. Wir brauchen die Frau, um Probleme zu lösen. Wir müssen die Bedingungen so schaffen, dass sie auch als Chefärztin nicht auf Kinder verzichten muss. Das wäre ja furchtbar, wenn die intelligentesten Frauen Deutschlands keine Kinder mehr kriegen dürfen, nur um ihren Beruf weiter zu verfolgen.

ebn: Vielen Dank, Frau Gockel, für das Gespräch.

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Eine Antwort auf Mode, Managerinnen und Mainz – Designerin Anja Gockel im Gespräch

  1. Excellent blog. keep it up!

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